Neckarsulmer Bäckerei
expandiert mit traditionellem Rezept. Die Härdtner GmbH in
Neckarsulm hat sich in den vergangenen Jahren zu einem Unternehmen
mit 900 Mitarbeitern entwickelt. Gebacken
wird mit streng kontrolliertem Getreide von Bauern aus Hohenlohe
und dem Kraichgau.
Gerade haben noch etliche Mitarbeiter an dem runden Tisch gevespert
und Kaffee getrunken, jetzt nimmt der Chef selbst Platz. "Ich
bin zufrieden, mir geht"s gut", sagt Rolf Härdtner.
Die Klage, so heißt es oft, sei der Gruß des Kaufmanns.
Doch bei dem Bäckermeister aus Neckarsulm ist nicht einmal
ein Anflug einer solchen Einstellung zu spüren. "Die
Familie ist gesund, ich habe hervorragende Mitarbeiter", sagt
Härdtner. Dass sein klagloses Dasein auch Verwunderung hervorruft,
weiß der Herr der Backöfen: "Manche glauben, ich
sei blöd."
Davon allerdings kann keine Rede sein. Immerhin hat Härdtner
aus der kleinen, 1938 von seinen Eltern gegründeten Bäckerei
ein Unternehmen mit inzwischen 900 Beschäftigten gemacht.
1973, als er als Teilhaber einstieg, standen gerade 22 Beschäftigte
auf den Lohn- und Gehaltslisten. Im Gegensatz zu vielen anderen
Mittelständlern macht er auch aus seinem Umsatz kein Geheimnis:
Für 30 Millionen Euro gingen im vergangenen Jahr Backwaren über
seine Ladentheken, ein Plus von zehn Prozent gegenüber 2004.
Für dieses Jahr wäre er schon zufrieden, wenn er in seinen
vorhandenen Läden wieder genauso viel verkaufen würde
wie 2005. Aber wahrscheinlich wird eben doch wieder einmal etwas
mehr gebacken.
Gewachsen ist das Unternehmen in den vergangenen Jahren auch durch
Zukäufe: Härdtner, der größte Bäcker
in Neckarsulm, hat bereits 1982 die Bäckerei Böhringer,
den Marktführer in Heilbronn, übernommen. Vier Jahre
später hat er dort noch ein anderes Unternehmen gekauft: die
Bäckerei Mitterer, einen Spezialisten für Holzofenbrot.
Circa 600 Mitarbeiter sind inzwischen rund um Heilbronn tätig.
Doch auch fern der Heimat wurde der rührige Bäcker aktiv:
Gleich nach der Wende hat er von der Treuhand zwei Niederlassungen
in Dresden übernommen. Dank seiner aus Schlesien stammenden
Frau hatte er schon zu DDR-Zeiten Kontakte nach drüben, "nach
der Wende hieß es dann, helft uns doch". Inzwischen
hat Härdtner in Dresden 300 Mitarbeiter - und ein Problem.
"Weil wir inzwischen so viele Beschäftigte haben, gelten
wir als Großbetrieb." Und das hat einen gravierenden
Nachteil: Der Bäcker aus dem Westen soll jetzt Subventionen
des Landes Sachsen zurückzahlen, die er einst für den
Aufbau im Osten erhalten hat. Hätte er nur 250 Arbeitsplätze
geschaffen, könnte er das Geld behalten.
Doch Härdtner hat nicht nur ein Problem, sondern auch einiges
zu erzählen über seine Erfahrungen: "Hier in Neckarsulm
rede ich mit jedem. In Dresden denken die Mitarbeiter ziemlich
hierarchisch. In seinen sächsischen Filialen hat er gelernt,
dass zuerst der Geschäftsführer begrüßt wird,
dann schreitet man weiter zum Produktionsleiter, geht schließlich
auf den Meister zu und reicht dann den normalen Beschäftigten
die Hand. "Die Belegschaft im Osten ist sehr empfindlich,
wenn sie meint, sie bekomme etwas übergestülpt." Größer
als deren Flexibilität im Denken indes ist die Mobilität
auf dem Weg zur Arbeit: "Die Mitarbeiter fahren oft 40 Kilometer
weit", erzählt er.
Und er könnte noch mehr berichten, besonders über die
Anfänge im Osten, wo er mit 20 Beschäftigten begann.
Einmal wollte ihm die Treuhand sogar ein Gelände verkaufen,
das ihr gar nicht gehörte: "Ich habe drei Treuhanddirektoren
kennen gelernt, die alle im Gefängnis gelandet sind." Doch
nicht nur dort hatte er Erlebnisse, die ihm denkwürdig vorkamen
- auch zu Hause gab es derartige Erfahrungen. "Vor fünf
Jahren wurden wir noch ausgelacht, weil wir alles selber machen",
erzählt er. "Ein Betriebsberater würde die Hände über
dem Kopf zusammenschlagen und sagen, das ist doch alles viel zu
teuer." Gerade dies aber hat ihm geholfen, sich gegen die
Brotfabriken nicht nur zu behaupten, sondern den eigenen Betrieb
kräftig auszubauen. Die Bäckerei aus dem Unterland lässt
von Bauern in Hohenlohe und im Kraichgau eigenes Getreide anbauen,
das auch streng kontrolliert wird.
Zusammen mit zwei Wissenschaftlern wurde ein Brot aus frisch gekeimtem
Getreide entwickelt, das besonders viele Vitamine und Nährstoffe
enthalten soll. In den Regalen der Läden ist auch Demeter-Ware
zu finden - aber nicht ausschließlich.
"Mit dem Schlagwort Gesundheit kann man nichts verkaufen",
sagt der Firmenchef, der sich im Übrigen wundert, wie viele
eher verhärmte Gestalten vom Angebot in den Reformhäusern
zehren. "Die gesündeste Ernährung hat keinen Wert,
wenn nicht mit Genuss gegessen wird", sagt Härdtner. "Bei
uns kommt nur Mehl, Salz, Hefe und Wasser ins Brot hinein",
sagt er zu einem Standpunkt, den er in den vergangenen Jahren konsequent
verfolgt hat: "Backmischungen gibt es bei uns nicht." Der
Mann, der so gerne lacht, kann in solchen Fragen auch ziemlich
ungemütlich werden. Als die Heilbronner AOK vor Jahren im
Rahmen einer Gesundheitskampagne auch Brot anpries, dem Backmischungen
beigefügt waren, konterte Härdtner mit einer Plakataktion: "Wir
backen kein AOK-Brot" konnten die Verantwortlichen der Krankenkasse
lesen.
Standhaft bleibt der Bäcker auch gegen Managementmoden, die
Beschäftigte in Unternehmen nur als Kostenfaktor ansehen: "Mein
Personal ist mein größtes Kapital", sagt er zu
solchen Weisheiten, "ich darf meinen Mitarbeitern doch nicht
jeden Tag sagen, du bist ein Kostenfaktor, du bist viel zu teuer." Stattdessen
bietet er Familiendarlehen an, es gibt firmeneigene Wohnungen,
viel wird für die Weiterbildung getan, wofür sich besonders
seine Gattin Annemarie stark macht. Etwa 90 Prozent der Beschäftigten
im Unternehmen wurden dort selbst ausgebildet. Die Mitarbeiter
sind offenbar ganz zufrieden: "Bei uns gibt es fast keine
Fluktuation, wir haben Leute, die schon 50 Jahre da sind."
Gattin Annemarie sorgt dafür, dass nicht jede Filiale gleich
aussieht. "Wir passen uns der Umgebung an", erklärt
sie. So werden Filialen in wohlhabenden Gegenden etwas anders eingerichtet
als Niederlassungen neben Sozialwohnungen - und zwei Filialen hat
Annemarie Härdtner bereits nach der asiatischen Feng-Shui-Lehre
eingerichtet.
Quelle Stuttgarter Zeitung von Ulrich Schreyer, Neckarsulm vom
6. April 2006
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