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Der Wildhüter im Freizeitpark von Tripsdrill

     
 
 

28.2.07

 

Im März 1847 hat ein Waldschütz im Zabergäu den letzten Wolf in Württemberg erlegt. Seit 1992 gibt es wieder welche in der Gegend - die Wölfe von Tripsdrill. Wolfgang Weller ist in jeder freien Minute bei ihnen: "Ich weiß, wie sie denken und was sie fühlen."

Mit der Dunkelheit kam das bange Gefühl. "Mein Herz pocht, mein Unterbewusstsein ist in Alarmbereitschaft", schreibt Wolfgang Weller in sein Tagebuch. Er liegt allein in seinem Zelt und horcht. Bei jeden Knacken schreckt er auf. Draußen sind die sibirischen Wölfe. Sie schleichen herum. Er öffnet das Zelt. Der Lichtkegel seiner Taschenlampe streift eine Eule, die lautlos vorbeifliegt. Auf der Anhöhe erkennt er den Umriss eines heulenden Wolfs, der bald in der schwarzen Nacht verschwindet. Plötzlich trifft ihn der Blick. Er sieht in zwei Augen, die im Lichtstrahl wie grüne Lämpchen leuchten. Es ist der Beta-Wolf, die Nummer zwei im Rudel. Weller nennt ihn nur "den Gefährlichen". Einige Sekunden starren sich beide an. Dann verschwindet der Wolf.

Wolfgang Weller hat dieses Abenteuer nicht in der Wildnis der russischen Taiga erlebt. Sein Zelt stand im Tierparadies des Freizeitparks Tripsdrill, einem 47 Hektar großen Wald, durch den die Kreisgrenze zwischen Ludwigsburg und Heilbronn verläuft. Eine Woche lebte der Wildhüter im Wolfsgehege. Er kannte die Wölfe damals bereits acht Jahre, "trotzdem war da in der ersten Nacht plötzlich so eine Urangst", sagt er. Das mit Elektrozäunen umspannte Gelände verließ er nur, um Futter für die Wölfe zu holen. Sein Essen kochte er auf einer Feuerstelle. Am Ende durfte auch sein zehnjähriger Sohn eine Nacht mit ins Zelt. Wolfsexperten schüttelten den Kopf. Das Vorhaben sei "gefährlicher Wahnsinn", warnte das Deutsche Tierhilfswerk. Der Kinderschutzbund warf ihm Verantwortungslosigkeit und Sensationsgier vor. Sein Sohn war begeistert. Das Experiment ging gut.

Wellers Tierliebe hat etwas Ruheloses und Maßloses. Der 50-jährige Maschinenschlosser fährt jedes Wochenende von seinem Wohnort auf der Ostalb zu den Tieren. In den Schulferien, wenn besonders viel Betrieb im Wildpark ist, arbeitet er nur halbtags. Darauf hat er sich mit seiner Firma geeinigt. Nachmittags startet er dann nach Tripsdrill. Seine Urlaube gehören nicht der Familie, sondern den Wölfen, Bären und Geiern. Der Wald ist ihm lieber als Vollpension auf Lanzarote. Er wirkt gelassener hinter den Elektrozäunen, bei den Tieren.

Im Freigehege riecht es nach nassem Hund. Weller in grüner Wildhüterkluft und Gummistiefeln, mit Handy am Gürtel und langer Falkenfeder am Hut, steht knöcheltief im Matsch. Sein Eimer ist gefüllt mit Fleischstücken und Innereien. Ganz oben liegen eine Rinderspeiseröhre und drei fette Ratten, die von speziellen Züchtern oder Tierversuchsinstituten geliefert werden. "Manchmal gibt es Hasen und Kaninchen, sie fressen aber auch Würmer, Schnecken, sogar Obst", sagt er.

Die Wölfe haben sich in den hintersten Winkel des Geheges verzogen und glotzen herüber. Weller zieht ein großes, kariertes Stofftaschentuch aus der Hose und schnäuzt sich: "Das können wir jetzt vergessen." Eigentlich wollte er zeigen, dass die Wölfe so nahe kommen, dass sie ihm schon fast aus der Hand fressen. Aber ein Parkmitarbeiter ist mit dem Auto bis vor das Gehege gefahren. Und auf jede noch so kleine Abweichung vom gewohnten Ablauf reagieren die Tiere erst einmal abwartend. "Sie sind arg sensibel", sagt Weller.

Nach einer Weile schleicht sich doch ein Wolf heran. Es ist der dürre Omega-Wolf, das rangniedrigste Tier. Der Hunger macht ihn mutig. In letzter Zeit ist er etwas kurz gekommen bei der Fleischverteilung im Rudel. Er hält sich abseits der Gruppe, um seine Unterwürfigkeit zu zeigen. Seine Rute klemmt er meist zwischen die Hinterläufe. Auch der Beta-Wolf wagt sich jetzt näher. Weller erkennt ihn an seinem Gang. "Der Gefährliche" umkreist die hingeworfenen Fleischstücke. Er sabbert schon aus dem Maul. Dann packt er den Mageren im Nacken und schüttelt ihn durch.

Seit Ende 1987 ist Weller im Tierpark Tripsdrill. Zunächst kümmerte er sich nur um die Greifvögel. Als man ihn vor 15 Jahren fragte, ob er nicht einen Mann für die Schaufütterungen der neuen Wölfe wisse, probierte er es selbst. "Am Anfang hatte ich Herzklopfen, ging nur mit Stöcken bewaffnet hinein und rückwärts wieder raus, um die Wölfe nicht aus dem Blick zu verlieren." Nach und nach habe er sich vorgetastet, sei den Tieren immer näher gekommen. "Inzwischen weiß ich, wie sie denken und was sie fühlen."

Wenn man ihn fragt, was er beruflich macht, hält Weller keine langen Reden. "Projektkoordinator", sagt er, um gleich wieder von den Wölfen anzufangen - "die Hierarchie in einem Rudel ändert sich ständig, auch Weibchen können Leitwölfe sein". Wo er denn arbeite? "Bei Mahle in Gaildorf", sagt er und schwenkt wieder zum Alpha-Wolf, der ihn einmal angesprungen habe - "der wollte aber nur an den Eimer mit dem Futter." Er erzählt von Rangkämpfen und Duftmarken. Von den unterschiedlichen Typen in dem elfköpfigen Wolfsrudel: dem Scheuen, dem Draufgänger, dem Gefährlichen, dem Bösartigen oder Sascha, dem Gerissenen. Dem Leitwolf hat Weller als einzigen einen Namen gegeben. Weil er ihn so beeindruckt. "Sascha ist immer aktiv und prescht nach vorne. Wenn er unsicher ist, schickt er einfach die anderen vor."

Die Gefahr für ihn selbst sei gering, "Wölfe sehen die Menschen nicht als Beute. Im Zweifelsfall laufen sie weg." Außerdem erkenne er an der Körpersprache jedes Einzelnen oder am Verhalten der Gruppe, wann Vorsicht nötig ist.

"Jetzt gehen wir zu meinen ganz großen Lieblingen", sagt Weller. Er hat den Geiern Fleisch, Ratten und tote Küken mitgebracht. Ein riesiger Mönchsgeier gleitet zum Eingang herüber und landet mit federnden Schritten wie ein Dreispringer. Weller neigt den Kopf zur Seite, der Vogel macht es ihm nach. "Das heißt, ich bin dir wohlgesonnen." Er hat in vielen schlaflosen Nächten Geier großgezogen. Die Fütterung der kleinen Aasfresser sei nicht einfach: "Man muss das Fleisch zu Brei zerkleinern, spezielle Verdauungsmittel zusetzen, das Ganze zwei Stunden warm halten und alle vier Stunden verfüttern."

Schon als Bub habe er Vögel geliebt und ihnen stundenlang zugeschaut, sagt Weller. Er ist Falkner geworden. Seine Vorführungen gelten als spektakulär, weil vier Falken gleichzeitig in der Luft sind. Uhu Susi ist meist dabei. "Susi glaubt, sie sei ein Mensch, ihresgleichen kennt sie nicht", sagt er und streicht ihr über den Kopf. Sie schließt die Augen wie ein Kätzchen. Fehlt nur, dass sie schnurrt. Weller geht mit Susi in Schulen und Kindergärten, "ich will so das Interesse an der Natur und am Tierschutz wecken".

Die russischen Braunbären Katja, Sozja und Shanja sind vor sieben Jahren auf Druck der Behörden, die ein größeres Gehege für sie forderten, nach Tripsdrill gekommen. Nun leben die drei auf 2500 Quadratmetern. Ihr früherer Besitzer hat sie mit der Flasche großgezogen, im Zirkus lernten sie Rad fahren und Ball spielen. "Jetzt komm doch, Katja", säuselt Weller. Nach einigen Minuten lugt die Bärin verschlafen aus ihrem Loch. "So ist brav." Nach weiteren Minuten tapst sie im Faultiertempo nach draußen, knabbert lustlos an einem Apfel. Weller beugt seinen Oberkörper nach vorne wie ein Ringkämpfer. Für Katja ist es eine Drohgebärde, sie weicht zurück. "Das geht nur jetzt im Winter, da ist sie sehr träge. Bei den anderen Bären dürfte ich das überhaupt nicht machen."

"Der direkte Umgang mit Braunbären ist grundsätzlich immer lebensgefährlich", sagt Udo Gansloßer, Privatdozent für Zoologie an der Universität in Greifswald und Sicherheitsgutachter in Zoos. Er sieht Wellers Verhalten mit Skepsis. "Aber das muss jeder mit sich selbst ausmachen." Mimik und Körpersprache von Bären seien schwieriger zu deuten als etwa bei Wölfen oder Großkatzen. "Selbst erfahrene Wildhüter können nie sicher sein, sie zu verstehen." Bei mehreren Tieren in einem Gehege gerate man zudem unversehens in bäreninterne Kampflinien. Ein noch größeres Risiko für Weller sieht der Experte im Wolfsgehege. Bei einem so großen Rudel sei die Gefahr groß, dass etwas schief geht, sagt Gansloßer. "Was, wenn über Nacht eine Palastrevolution angezettelt wurde und morgens die Konflikte noch schwelen?"

Vergangenes Jahr gab es einen Unfall. Es passierte bei der Fütterung der Bären. Katja stand auf zwei Beinen, Weller hielt ihr eine Brezel hin. Als die anderen Bären von hinten kamen, biss Katja in Wellers Hand, gleichzeitig traf ihn ein Prankenschlag am Oberarm. "Es war mein Fehler", sagt er. Er habe gewusst, dass es gefährlich ist, aber trotzdem weitergemacht. "Es schauten 600 Leute zu, und man will ja eine gute Show abliefern."

Quelle Stuttgarter Zeitung vom 27. Februar 2007 von Robin Szuttor www-stuttgarter-zeitung.de

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