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Wittenstein expandiert in Nischen

     
 
 

6.8.07

 

Kräftige zweistellige Wachstumsraten ist man aus dem Maschinenbau in jüngerer Zeit schon gewohnt. Insofern ist es nicht verwunderlich, wenn Manfred Wittenstein, der neue Präsident des Branchenverbands VDMA, mit dem im eigenen Unternehmen erzielten Wachstum nicht zufrieden ist. Um 10 Prozent auf 148 Millionen Euro hat die Wittenstein AG im Geschäftsjahr 2006/2007 (31. März) ihren Umsatz gesteigert. Fast entschuldigend klingt es, wenn Manfred Wittenstein dazu erklärt: "Es muss auch Ruhephasen geben. Man muss die Mitarbeiter mitnehmen auf dem Wachstumskurs."

Im Jahr zuvor lag die Zuwachsrate bei fast 15 Prozent, und so einen Zuwachs - auf dann 170 Millionen Euro - will Wittenstein auch in diesem Geschäftsjahr erreichen. Die Umsatzrendite lag im vergangenen Jahr bei 10 Prozent vor Steuern und damit im Zielkorridor. "So viel ist nötig für unsere Wachstumsstrategie und für unser zweites Ziel, die Eigenständigkeit zu bewahren." Die Beschäftigten von Wittenstein profitieren unmittelbar von guten Ergebnissen. In Jahren mit solchen Renditen bekommen sie eine Erfolgsbeteiligung von 3 Prozent.

Solche Wohltaten fördern auch das Image des Arbeitgebers Wittenstein. Zufrieden registriert der Vorstandschef, dass sich auf jede Ausbildungsstelle zehn Bewerber melden - obwohl das Örtchen Harthausen, wo Wittenstein seinen Sitz hat, tief in der fränkischen Provinz liegt, am nördlichen Ende von Baden-Württemberg. Auch von einem Fachkräftemangel sei wenig zu spüren: "Wir können die meisten Positionen mit Leuten besetzen, die wir selbst ausbilden." In den vergangenen Jahren hat Wittenstein die Ausbildungsquote sukzessive erhöht, bis sie jetzt 12 Prozent erreicht hat und damit wohl einen der Spitzenwerte in der Industrie. "Das ist ein langwieriger Prozess. Aber das ist besser, als bei guter Auftragslage spontan nach Arbeitskräften zu suchen", ist der Verbandspräsident überzeugt. Der Belegschaftsaufbau geht gleichwohl ziemlich rasch voran. Bis zum Ende des Geschäftsjahres wolle man 1250 Mitarbeiter haben, davon 1060 im Inland. Damit hätte Wittenstein innerhalb von zwei Jahren 250 neue Arbeitsplätze geschaffen.

Für das angestrebte Wachstum werden Nischen immer wichtiger. Die Lieferung von Antriebskomponenten für Maschinenbauer macht heute noch rund 80 Prozent des Umsatzes aus, und Manfred Wittenstein sieht durchaus gute Entwicklungschancen. "Das ist ein schnell wachsender Markt." Dennoch erwartet er, dass bis in zehn Jahren dieses Kerngeschäft nur noch 60 Prozent des Umsatzes ausmachen könnte, vielleicht sogar noch weniger. Neue Tätigkeitsfelder sieht er in der Luft- und Raumfahrt: Für das Großraumflugzeug Airbus A380 liefert das Unternehmen Antriebe für die Türen ebenso wie für den Gepäcktransport im Frachtraum. Erste Ansätze gibt es auch in der Medizintechnik, in der "Antriebstechnik im und am Menschen". Wer beispielsweise einen zu kurz geratenen Knochen verlängern will, braucht dafür eine spezielle Antriebseinheit, die den Knochen nicht mehr als einen Millimeter pro Tag auseinander schiebt.

Erkennbar viel Spaß hat Manfred Wittenstein, durch und durch Ingenieur, mit dem Bereich Sondertechnik, der heute rund ein Zehntel zum Umsatz beiträgt. "Wir liefern Antriebstechnik dorthin, wo es kein Mensch aushält" - beispielsweise tausend Meter unter der Eisdecke im Nordmeer, wo Wittenstein-Antriebe zur Energieförderung benötigt werden: "Da muss man einen langen Atem haben. Aber wir forschen nicht einfach drauflos. Es gilt die Regel, dass nach zehn Jahren ein Geschäft daraus werden muss."

Dabei dürfen die Ideen durchaus zunächst einmal verrückt sein: Mit einem Fraunhofer-Institut haben Wittenstein-Mitarbeiter einen Roboter-Torwart gebaut, der versuchen muss, die Elfmeter-Schüsse der Fußballer abzuschmettern. Ein Markt ist dafür nicht wirklich in Sicht. Immerhin ist Hightech in der Unterhaltungsbranche für Wittenstein kein Fremdwort mehr: Für Walt Disney liefert der Maschinenbauer Servoaktuatoren, jene Teile der Fahrgeschäfte, die dafür sorgen, dass die Bewegungen im Magen das richtige Achterbahngefühl erzeugen.

"Wir müssen ständig versuchen, die Dinge mit anderen Augen zu sehen", lautet die Maßgabe im Hause Wittenstein - und dabei hilft die Arbeit in den unterschiedlichsten Sektoren: "Das ist für uns auch der Grund, in neue Märkte zu gehen", sagt Wittenstein. "Es kommt zu einer gegenseitigen Befruchtung und das verhilft uns langfristig zu besseren Produkten, auch im Kerngeschäft." Für all seine Pläne hat Manfred Wittenstein nur Deutschland als Produktionsstandort im Auge. Allenfalls kleine Einheiten für ganz eigene Märkte kann er sich im Ausland vorstellen, so wie es schon eine kleine Produktion in Amerika gibt, weil nur dort die Musik für Flugsimulatoren spielt. Für den Absatz dagegen wird die weite Welt immer wichtiger. Obwohl Wittenstein erst 1990 überhaupt mit der Internationalisierung begonnen hat, werden bereits 60 Prozent des Umsatzes außerhalb Deutschlands erzielt.

Text: F.A.Z., 06.08.2007, Nr. 180 / Seite 15 www.faz.de

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