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Die Hohenloher Ventilatorenindustrie

     
 
 

19.9.07

 

Eine Basisinnovation schafft die Grundlagen für die außergewöhnliche Erfolgsgeschichte einer Branche.

Die Häufung von Ventilatorherstellern in einem geographisch eng begrenzten Raum ist einmalig in Deutschland. Der Anfang findet sich bei der Firma Ziehl-Abegg in Künzelsau. Das bereits 1910 in Berlin gegründete Unternehmen steht 1945 bedingt durch Kriegsereignisse, Zerstörung und Demontage vor dem scheinbaren Aus. Auf Umwegen gelangen die Brüder Günther und Heinz Ziehl im Jahre 1949 nach Künzelsau und wagen in der alten Schlossmühle einen Neuanfang. Die Firma Stahl, ein alter Kunde, benötigt für neue Aufzüge Spezial-Elektromotoren und die soll Ziehl-Abegg bauen.
 
Einer der ersten Mitarbeiter ist der damals gerade 22 Jahre alte Wilhelm Gebhardt. Unter einfachsten Verhältnissen und mit primitivsten Mitteln, aber mit Improvisationstalent und Arbeitseifer hilft er beim Aufbau der jungen Firma. Bevor produziert werden kann, müssen erst einmal die Voraussetzungen dafür geschaffen werden. Eine alte Drehmaschine ist zwar vorhanden, doch dem Antriebsmotor fehlen die Lager. Kurzerhand wird die Maschine von Hand betrieben, bis die Lager bearbeitet sind.

Als Firmenfahrzeug dient ein Motorrad mit Afrika-Anstrich, für das Gebhardt einen Seitenwagen baut, damit das erforderliche Material transportiert werden kann.
 
Improvisieren, organisieren und hart sein im Umgang mit sich selbst, aber auch mit seinen Mitarbeitern und Kollegen, liegen dem Mann im Blut. Als 14-jähriger meldet er sich 1941 freiwillig als Militärschüler für die elitäre fliegertechnische Kaderschmiede des Reichsluftfahrtministeriums nach Dessau. Sein Ziel ist die Aufnahme in das Ingenieur-Offiziers-Korps der Luftwaffe. Eine harte Schule, die das gesamte spätere Leben Wilhelm Gebhardts prägt. Die Ausbildung wird durch Fronteinsatz und das Ende des 2. Weltkrieges jäh unterbrochen.
 
Nach russischer Kriegsgefangenschaft kommt er in seine Heimatstadt Künzelsau zurück. Beruflich muss er sich umorientieren. Aus dem Flugzeug- wird ein Maschinenbauer. Bei Ziehl-Abegg wird er Betriebsleiter und macht später als Chefkonstrukteur und rechte Hand des technischen Leiters schnell Karriere.
 
Eines Tages wird ihm die Skizze eines neuartigen Motors gezeigt, der die Welt auf den Kopf stellt: Nicht das Innere des Motors dreht sich, sondern das äußere Gehäuse. Bereits Mitte der 50er Jahre be-ginnt er mit der Entwicklung und konstruktiven Bearbeitung dieser bis dahin in der Lüftungs-, Klima- und Kältetechnik noch völlig unbekannten so genannten Außenläufermotoren. Weil das Tagesgeschäft keine Zeit lässt, wird unermüdlich am Abend und an den Wochenenden zu Hause an den Plänen für Außenläufermotoren gearbeitet.
 
Anschließend schafft er mit einem Außenläufer-Kleinmotor auch die Voraussetzung für die spätere Gründung der Firma Elektrobau Mulfingen (heute ebm-papst). Die Brüder Ziehl bestätigen diese Leistungen 1959 in einem Arbeitszeugnis: "Herr Willi Gebhardt, geboren am 31.März 1927, ist am 30. Juni 1949 als einer der ersten Mitarbeiter unserer in Künzelsau neu gegründeten Firma zu uns gekommen und hat seitdem an führender Stelle die Entwicklung unseres Werkes maßgebend beeinflusst. Herr Gebhardt scheidet am 31. Dezember 1959 auf eigenen Wunsch aus, um sich seinem inzwischen gegründeten Betrieb voll und ganz widmen zu können. Herr Gebhardt war in den ersten Jahren als Betriebsleiter, danach Leiter unserer Konstruktionsabteilung tätig. Seit 1955 hat Herr Gebhardt ein Sonderprogramm von Spezialmotoren vollkommen neu entwickelt, serienreif gemacht und betrieblich in einer getrennten Fertigung hergestellt. Er hat darüber hinaus sämtliche, mit diesem Fertigungsprogramm in Zusammenhang stehenden Fragen einschließlich des Einkaufs und Verkaufs selbständig bearbeitet (...) Herr Gebhardt hat alle diese Aufgaben technisch wie auch kaufmännisch zu unserer vollen Zufriedenheit ausgeführt. Es ist in erster Linie sein Verdienst, dass wir heute diese Sondermotoren (Außenläufermotoren für die Lufttechnik) in Europa und der Welt konkurrenzlos herstellen (...) Nachdem wir es Herrn Gebhardt mit zu verdanken haben, dass wir unsere Firma in der jetzigen Art und so schnell wieder aufbauen konnten, sehen wir ihn nur sehr ungern von uns gehen. Wir wissen aber, dass wir einen so aktiven und ideenreichen Menschen nicht auf längere Zeit halten können (...)"
 
Wilhelm Gebhardt ist auch für die Markteinführung des Außenläufermotors verantwortlich. Hier muss sehr viel Überzeugungsarbeit geleistet werden. Für die etablierten deutschen und europäischen Ventilatorenhersteller ist der Außenläufermotor zu revolutionär. Seine Vorteile, dass man damit kompakte und raumsparende Ventilatoren bauen kann, werden nicht erkannt. Gebhardt ist von der neuen Technik so überzeugt, dass in ihm der Entschluss reift, die Fertigung solcher neuartiger Ventilatoren in die eigenen Hände zu nehmen.
 
Am 1. Juli 1958 ist es soweit. Gemeinsam mit seinem jüngeren Bruder Friedrich beginnt er in einer ehemaligen Wehrmachtsbaracke in der Nähe des Bahnhofs Waldenburg mit der Produktion. Er selber ist halbtags noch bis Ende 1959 als technischer Leiter für Außenläufermotoren bei Ziehl-Abegg beschäftigt. Unter Verwendung des Außenläufermotors werden Radialventilatoren gebaut, wie man sie vorher nicht gekannt hat. Nicht typisch deutscher, schwerer Maschinenbau, sondern ingenieurmäßig definierte Konstruktionen in kompakter Bauweise mit hoher Qualität und Zuverlässigkeit. Es gelingt, die Hersteller von Luftheizern und Lüftungsanlagen im In- und Ausland von den Vorteilen der neuartigen Ventilatoren zu überzeugen und sie Kunden zu gewinnen.
 
1963 werden Dachventilatoren in das Fertigungsprogramm aufgenommen und Gebhardt ist damit bald Marktführer. Viele ehemalige Ventilatorenhersteller geben die eigene Fertigung auf und kaufen bei Gebhardt. Nicht nur des Preises wegen, sondern auch wegen der Qualität und Leistungsgenauigkeit. Es entstehen viele nationale und internationale Patente. Gebhardt setzt die Meilensteine, gibt Impulse für die Ventilatoren-Technik und an diesen Maßstäben orientiert sich auch der Wettbewerb. Manche Produkte tauchen als Kopie im Markt auf.
 
1974 steht Wilhelm Gebhardt vor einer wichtigen Entscheidung. Gesundheitliche Probleme zwingen ihn nach Lösungen zu suchen, die die Zukunft des Unternehmens und seiner Mitarbeiter langfristig sichern sollen. Er entschließt sich zu einer Eingliederung seiner Firma in den internationalen Firmenverbund "Masco". Er zieht sich aus dem operativen Geschäft zurück, bleibt aber noch bis 1992 beratend tätig.
 
Im März 1984 verleiht die Stadt Waldenburg dem Unternehmer Wilhelm Gebhardt die goldene Bürgermedaille. In seiner Laudatio urteilt IHK-Präsident Heinz Ziehl über seinen ehemaligen Mitarbeiter: "Das Unternehmen hat sich zu einem der größten und bekanntesten Ventilatorfabriken Europas entwickelt, mit dem Ruf hervorragender Qualität, sicherer Lieferbereitschaft und einem dynamischen Management. Es ist in erster Linie das Werk eines Mannes, der heute hier ausgezeichnet wird." Bürgermeister Gerhard Lauth fasst die Verdienste von Wilhelm Gebhardt mit folgendem Satz zusammen: "Sie haben in der Geschichte von Waldenburg nicht nur oberflächliche Kratzspuren hinterlassen, sondern sie haben ein ganzes Kapitel geschrieben." Das von Wilhelm Gebhardt 1958 gegründete Unternehmen wird im kommenden Jahr das 50-jährige Bestehen feiern und ist heute mit dem italienischen Ventilatorenbauer "Nictoria"" verbunden.
 
Die Firma Ziehl-Abegg hat die 1955 entwickelten Außenläufermotoren schon 1957 erfolgreich zu Axialventilatoren veredelt. Die Verwendung des Außenläufermotors auch für Radialventilatoren durch-zusetzen gelingt nur mit geringem Erfolg. Erst mit der Gründung der Firma Gebhardt zeichnet sich ein Durchbruch ab. Der Erfolg von Gebhardt weckt Begehrlichkeiten und Ziehl-Abegg beginnt selbst mit der Herstellung von Radialventilatoren und Querstromventilatoren. Die Weiterentwicklung der EC-Motorentechnik in Verbindung mit Radiallaufrädern macht die Firma Ziehl-Abegg zu einem starken Wettbewerber.
 
Im Jahre 1963 erfolgt eine Ausgliederung des Außenläufer-Kleinmotors aus der Firma Ziehl-Abegg in die neu gegründete Firma "Elektrobau Mulfingen", die heutige Firma ebm-papst. Dieses Unternehmen hat sich unter der Führung des Mitgesellschafters und Gründers Gerhard Sturm zum Weltmarktführer für Klein- und Kleinstventilatoren entwickelt.
 
1981 macht sich der ehemalige Ziehl-Abegg-Mitarbeiter Karl Rosenberg selbständig und gründet die Rosenberg Ventilatoren in Künzelsau-Gaisbach. Das Fertigungsprogramm umfasst Außenläufermotoren, Radial-, Axial- und Dachventilatoren bis hin zu Steuerungen und kompletten Klimakastengeräten.
 
Aus "ebm-papst" und "Rosenberg" sind im Laufe der Jahre weitere Firmen hervorgegangen. 1992 entsteht "Ruck Ventilatoren, 1994 wird die LTi Lüftungstechnik gegründet, die spätere Systemair GmbH und 1997 die Grohmann Lüftungstechnik.
 
Neben den Unternehmen, deren Produktionsprogramm auf dem Außenläufermotor aufbaut, spielen drei weitere Ventilatorenhersteller eine Sonderrolle im Raum Hohenlohe: Die 1948 gegründete Fima, die 1959 daraus entstandene Venta und die 1989 nach Hohenlohe verlagerte DLK. Diese Firmen haben aber keinen Einfluss auf die hohe Konzentrationsdichte ausgeübt.
 
Der von Wilhelm Gebhardt 1955 als Basisinnovation entwickelte Außenläufermotor bildete die wichtigste Grundlage für die Entstehung der Hohenloher Ventilatorenindustrie. Dass von ihm geschaffene Unternehmen sorgte dann dafür, dass der Außenläufermotor die entsprechende Akzeptanz fand und den Durchbruch am Markt schaffte. ·

Quelle Regio Business vom 7. September 2007 von Heinz Wieland
http://www.suedwest-aktiv.de/region/hohenlohertagblatt/unternehmen/

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