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Schwabenpower für den Weltraum
     
 
 

12.2.08

 

Wenn die Welt das Know-how der Schwaben nicht hätte. Permanent driftet die Internationale Raumstation (ISS) ab, sackt in die Tiefe. Die Tüftler vom Raumfahrtstandort Lampoldshausen sollen es richten.

Und zwar mit Hilfe eines unbemannten Raumtransporters (ATV), der die Weltraumstation mit Antrieben aus dem Harthäuser Wald anheben soll. Das ATV wird die Astronauten im Orbit auch mit Nachschub versorgen, sobald das europäische Weltraumlabor Columbus an die ISS montiert ist. Dieses Modul steckte jetzt acht quälend lange Wochen am Boden fest, weil die Amerikaner mit Problemen am Space Shuttle kämpften.

Gewaltig

Als am Donnerstag die Raumfähre Atlantis mit einer gewaltigen Geräusch- und Feuerkulisse im Kennedy Space Center Florida nach mehrfach verschobenen Starts erfolgreich abhebt, geht ein Aufatmen durch die Büros der Wissenschaftler – auch in Lampoldshausen. Schließlich hat das amerikanische Taxi das 880 Millionen Euro teure Weltraumlabor an Bord, an dem Deutschland über 40 Prozent der Entwicklungskosten bezahlte.

Weitere Projekte, Aufträge, Forschungsmittel, Arbeitsplätze – „Vom Erfolg der Mission hängt so viel ab.“ Gespannt verfolgt Klaus Schäfer, Institutsleiter des Deutschen Luft- und Raumfahrtzentrums (DLR), was sich zurzeit im Orbit abspielt – 400 Kilometer über unseren Köpfen.

200 Ingenieure, Handwerker, Techniker und Verwaltungsleute arbeiten am Standort bei Hardthausen – mitten im Wald. Viele stammen aus der Region, so wie Schäfer. Der 47-Jährige ist Möckmühler und stolz, wie die europäische Raumfahrt auf die Innovation und Kompetenz des Raumfahrtinstituts Lampoldshausen und auf die Menschen aus der Region setzt. Hier werden Raketentriebwerke im Dauertest geprüft, optimiert und für den Start freigegeben.

Vinci-Triebwerk

Auf dem 35 Hektar großen Gelände gibt es sieben Prüfstände. Vor dem gigantischen P4.1 wird klar, warum sich die Raumfahrtingenieure aus dem Heilbronner Land zur internationalen Elite zählen dürfen. Hier steht der in Europa einmalige, 70 Millionen Euro teure Höhensimulationsprüfstand für Vinci, dem künftigen Oberstufentriebwerk der europäischen Ariane-Rakete. Deren Nutzlast soll mit Vinci von zehn auf zwölf Tonnen gesteigert werden. Lampoldshausen ist jetzt in der Lage, die Umgebungsbedingungen für Oberstufentriebwerke von Trägerraketen zu simulieren.

Ehrfurcht flößt dieses hohe Gebäude ein, in dem die 80 Tonnen schwere Vakuumkammer steckt. Klaus Schäfer hat den Bau mit seinem Team – damals noch als leitender Ingenieur – entwickelt. Jetzt steht er mit glänzenden Augen vor dem fünf Meter hohen Triebwerk, das in der Simulationskammer eingehängt ist – ein weiterer Meilenstein der europäischen Raumfahrt. Die Techniker behandeln den Raketenmotor wie ein rohes Ei, fassen ihn mit Handschuhen an. Es gibt nur zwei Prototypen.

Über der neuartigen, extrem hitzebeständigen Keramikdüse sitzt die Brennkammer, umgeben von einem unglaublichen Kabelgewirr. Messtechniker Artur Hartmann überprüft alle Verbindungen zum letzten Mal vor dem Test. Allein 600 Messkanäle führen zum Kontrollzentrum. Dazu kommen zig Steuerkabel für die Elektronik der Ventilklappen und die Zuleitungen für Treibstoff.

Kalt und heiß

Die stille Idylle, die über dem Testgelände liegt, täuscht. Rainer Hasenfuß, Chef der Werksfeuerwehr riegelt mit seinen Männern das Areal weiträumig ab. Das Heulen einer Sirene warnt wenige Sekunden vor der Zündung zum letzten Mal. Prüfstandleiterin Anja Frank aus Hardthausen eilt mit ihrem Team in den Bunker. Dort sind die Spezialisten zwar abgeschottet, aber nicht blind: Kameras zeichnen das Triebwerk während der Testphase aus verschiedenen Perspektiven auf und übertragen die Bilder auf zahlreiche Monitore. Diagramme auf Computerbildschirmen dokumentieren die technischen Abläufe Schritt für Schritt: Wie der minus 250 Grad kalte, flüssige Wasserstoff und der flüssige Sauerstoff mit einer Temperatur von minus 183 Grad aus den Tanks zum Aggregat fließen. Wie 84 Liter Wasserstoff und 29 Liter Sauerstoff pro Sekunde in die Brennkammer schießen. Und wie sie in einer kontrollierten Explosion zu 3500 Grad heißem Wasserdampf verbrennen und 700 000 PS entwickeln. Dennoch hört man in der 770 Sekunden langen Phase nichts von der gewaltigen Kraftentwicklung im Innern der Vakuumkammer. Warum? Weil es im luftleeren Raum des Prüfstands keine Übertragung der Schallwellen gibt.

Satelliten-Spezialisten

Neben Vinci macht sich das sechs Zentimeter große Satellitentriebwerk, das in der Nachbarschaft bei EADS Astrium gebaut wird, wie ein Winzling aus. Und trotzdem leistet der Zwerg stolze 250 PS. Weil er so gut ist, ist er beispielsweise auch in den Astra-Satelliten eingebaut, die Fernsehbilder aus aller Welt liefern. EADS Astrium ist Mieter auf dem DLR-Gelände. Bislang wurden 1000 dieser Satellitenmotoren gefertigt, pro Jahr kommen 200 weitere dazu. Konsequent baut der Betrieb seine Spitzenposition bei kompletten Satelliten-Antriebssystemen weiter aus, sagt Standortleiter Dr. Holger Wentscher. 250 Mitarbeiter tragen zu diesem Erfolg bei – Ingenieure, Industrie- und Feinmechaniker oder Mechatroniker, die auch an der technischen Kreisberufsschule in Neckarsulm ausgebildet werden.

Raumtransporter

Im Labor arbeitet Feinmechaniker Andreas Stahl aus Neuenstadt mit dem Elektronenmikroskop. Mit ruhiger Hand bohrt er in die drei Zentimeter große Brennkammer des Minitriebwerks. Diese Antriebe kommen auch beim Raumtransporter zum Einsatz, der vollbepackt im Weltraumhafen Kourou wartet, um mit der Ariane bald nach dem Start des Columbus-Moduls zur ISS zu folgen.

Klaus Schön montiert ein Haupttriebwerk für das ATV-Modul. Hier wird mit weißer Haube und Latexhandschuhen gearbeitet. In diesem Labor herrscht Überdruck. Staubpartikel gelangen nicht durch die Schleuse. Sie werden nach außen gepustet. Jedes Bauteil wird von Reiner Müller aus Tauberbischofsheim akribisch kontrolliert. Holger Wentscher: „Sobald die Rakete fliegt, gibt es keine Rückrufaktion.“

Mit 32 Neben- und Haupttriebwerken aus Lampoldshausen wird das 150 Millionen Euro teure ATV-Vehikel bestückt, von dem bislang fünf bestellt sind. Der Raumtransporter liefert Nahrung, Wasser, Stickstoff, Sauerstoff und Treibstoff. Bisher haben die Space Shuttles oder russische Proton-Raketen die ISS auf die Umlaufbahn zurückgeschoben. Die Station fliegt in einer Höhe, in der noch geringfügig Luft und damit Widerstand vorhanden ist. Künftig drückt das ATV den irdischen Außenposten mit seinen Düsen aus Lampoldshausen nach oben. Danach wird das Modul mit Müll vollgestopft und zur Erde geschickt. Im Orbit schließlich verglüht das ATV. Wentscher: „Die teuerste Müllverbrennung der Welt.“

Stichwort

DLR Lampoldshausen: Das Deutsche Luft- und Raumfahrtzentrum (DLR) in Lampoldshausen ist einer von acht DLR-Forschungsstandorten mit Sitz in Köln-Portz. In seinen 28 Instituten und Einrichtungen, die dem Bundeswirtschaftsministerium unterstellt sind, beschäftigt das DLR 5300 Mitarbeiter. Als nationale Raumfahrtagentur nimmt das DLR in Deutschland die gleichen Funktionen wahr wie die NASA in den USA. Seit 1973 ist Lampoldshausen in die Programme der europäischen Trägerrakete Ariane eingebunden.

EADS: EADS ist ein global führender Anbieter in der Luft- und Raumfahrt, im Verteidigungsgeschäft und den dazugehörigen Dienstleistungen. Im Jahr 2006 lag der Umsatz bei rund 39,4 Milliarden Euro, die Zahl der Mitarbeiter bei mehr als 116 000. Am Standort Lampolds-hausen arbeiten 250 Menschen. Hier hat sich der Betrieb auf dem Gelände der DLR eingemietet.

Quelle Heilbronner Stimme vom 11. Februar 2008 von Rolf Muth www.stimme.de

Weitere Informationen unter

Forschungseinrichtungen in der Region Heilbronn-Franken
 
         
         
 
Die große
Genießer-Radroute Heilbronn-Franken
Auf dieser Tour durch die Region Heilronn-Franken im Norden Baden-Württembergs erleben Sie die Höhepunkte von sechs bekannten touristischen Radrouten auf einmal.
Überblick
Etappe 1:
Talheim - Bad Wimpfen
Etappe 2:
Bad Wimpfen - Buchen
Etappe 3:
Buchen - Wertheim
Etappe 4:
Talheim - Bad Wimpfen
Etappe 5:
Bad Mergentheim - Öhringen
Etappe 6:
Öhringen - Talheim