Tütensuppe umrühren, fertig! Wer an Zeitmangel leidet, spart sich oft das Kochen. Otto Geisel, Hotelier und Vorsitzender von Slow Food Deutschland, hält das für einen Fehler.
RegioBusiness: Was verstehen Sie unter gutem Essen?
Otto Geisel: Gutes Essen ist nicht nur Geschmack am Gaumen. Genusssteigernd ist es, wenn man weiß, wo das Lebensmittel herkommt. Wurden die Tiere artgerecht gehalten? Ist das Gemüse ohne chemische Hilfsmittel aufgezogen worden? Ist es eingeflogen, also tausende Kilometer entfernt gezüchtet worden? Lebensmitteltransport und Lebensmittelproduktion sind weltweit der größte CO2-Produzent. Und das kann man nicht einfach ignorieren.
RegioBusiness: Ist Slow Food das Gegenteil von Fast Food?
Geisel: Slow Food ist nicht gegen etwas! Aber es hat sicher nichts mit Fast Food zu tun. Wir wollen mit Hilfe eines breiten Netzwerks mit der besseren Alternative überzeugen.
RegioBusiness: Wie würden Sie den Begriff Slow Food für den Verbraucher definieren?
Geisel: Slow Food hat etwas mit sich Zeit nehmen zu tun: Für den Einkauf und um darüber nachzudenken, wo die Lebensmittel herkommen. Man sollte sich die Zeit nehmen, zum Spezialisten zu gehen, zu dem Bäcker, der mit Natursauerteig backt, zu dem Metzger, der selbst schlachtet. Statistisch gesehen sitzt jeder Deutsche täglich dreieinhalb Stunden vor dem Fernseher. Davon könnte man doch eine Stunde umwidmen, zugunsten von Lebensmitteleinkauf und Kochen.
RegioBusiness: Für Menschen mit Zeitmangel sind Fast-Food-Produkte praktisch. Sie können sich ruck-zuck eine Tütensuppe anrühren, Fischstäbchen in die Pfanne werfen oder beim Schnellimbiss eine Portion Pommes kaufen. Was spricht dafür, stattdessen Slow Food zu verzehren?
Geisel: Es ist seltsam, dass wir sehr genau wissen, wie viel Oktan das Benzin hat, mit dem wir unser Auto füttern. Trotzdem glauben wir, unser Körper liefe mit jedem Brennstoff. Beim Auto müssen es schon fast 100 Oktan sein, der Körper läuft anscheinend mit 50. Für Firmeninhaber, denen das Wohl der Mitarbeiter am Herzen liegt, sollte es eine Verpflichtung sein, über den Wert der Ernährung nachzudenken, über den gesundheitlichen Aspekt etwa. Außerdem entscheidet man sich ja auch für eine Wirtschaft. Wir haben in Hohenlohe noch 7000 landwirtschaftliche Betriebe. Tue ich etwas dafür? Oder ist es mir egal, wo mein Essen produziert wird und wo das Geld hingeht? Verschiedene Unternehmen und Krankenhäuser bieten Slow Food inzwischen in ihrer Kantine an.
RegioBusiness: Lebensmittel aus der Region - das hört sich gut an. Aber wer im Supermarkt abgepackten Schinken und Milch im Tetrapak kauft, spart Geld. Welchen Mehrwert hat der Kunde durch Lebensmittel aus der Region?
Geisel: Es gibt eine Studie der Uni Bonn: Wenn sich eine vierköpfige Familie ein Jahr lang mit hochwertigsten Lebensmitteln ernährt, sind das insgesamt 700 Euro Mehrkosten. Das Kosten-Argument sticht deshalb meiner Meinung nach nicht. Es kommt eher auf die Zeit an, die man benötigt.
RegioBusiness: Was ist der Unterschied zwischen der spanischen Tomate und der Tomate vom Bauern im Nachbardorf?
Geisel: Die Tomate aus Spanien kann wunderbar sein, genau wie die Tomate vom Bauern. Ich denke nur, wenn etwas in Spanien produziert wird für den deutschen Markt, dann wird es unter Umständen gewissen Prozessen ausgesetzt. Man sollte überlegen, was es bedeutet, wenn eine Tomate nicht mehr fault. Eine Supermarkttomate kann man durchaus mal im Kühlschrank ein paar Wochen vergessen und stellt fest: Die fault gar nicht. Eine solche tote Materie ist mir unheimlich. Und natürlich verliert ein Lebensmittel auf so einer langen Reise, etwa durch ständiges Kühlen, an Geschmack und Duft. Das schönste, was ich mir vorstellen kann, ist eine frisch gepflückte Tomate. · Die Fragen stellte Sabine Franz
Quelle Regio Business vom 7. März 2008
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