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Baselitz in der Kunsthalle Würth
     
 
 

26.9.08

 

Er gilt als der forsche Bilderstürmer, der die Malerei in den 1960er Jahren förmlich auf den Kopf gestellt hat. Doch ist Georg Baselitz nach wie vor ein produktiver Zeitgenosse, der als 70-Jähriger mit scheinbar spielerischer Souveränität sein Werk weiterführt.

Nicht nur malt er unter dem Titel „Remix“ seine wichtigsten Bilderfindungen noch einmal. Die sogenannten Swastika-Bilder sind das jüngste Beispiel seiner Auseinandersetzung mit Kunstgeschichte und politischer Geschichte: Die im Werk Piet Mondrians versteckten Swastika-Zeichen, die im Sanskrit ursprünglich Glücksbringer waren und von den Nationalsozialisten missbraucht wurden als Hakenkreuz, rückt Baselitz für sich ins Lot. Und setzt ihnen seine Bildmotive der 60er Jahre entgegen.

Eine ganze Reihe solch neuer Bilder zeigt die Ausstellung „Georg Baselitz Top“, mit der die Kunsthalle Würth in Schwäbisch Hall einen frischen Blick auf einen der bedeutendsten Gegenwartskünstler wirft, nach den großen Werkschauen in London und Neapel zum 70. Geburtstag. Rund 100 Arbeiten aus fünf Jahrzehnten spannen keinen retrospektiven, sondern einen schlüssigen Bogen durch Baselitz’ Schaffen. Neben internationalen Leihgaben ist erstmals auch komplett der Baselitz-Bestand der Sammlung Würth zu sehen mit 48 Arbeiten.

Großformate, die meisten drei auf 2,50 Meter, daneben aber auch noch fulminantere Formate führen vor, wie sehr Georg Baselitz die große Leinwand beherrscht. Wenngleich auch Aquarellserien, Papierarbeiten, Holzschnitte wie einzelne Lindenholzskulpturen seinen unverwechselbaren künstlerischen Ausdruck augenscheinlich machen.

So ergeben sich in der Kunsthalle neue Interpretationsmöglichkeiten – und interessante Blickperspektiven durch Hängung und Ausstellungsarchitektur. Die Auswahl seiner Arbeiten hat Georg Baselitz selbst vorgenommen, damit fallen das Leitmotiv seiner Arbeit und das der Ausstellung zusammen: Baselitz’ Auseinandersetzung mit Kunstgeschichte von den Anfängen in den 60er Jahren bis heute.

„Ich male auf keinen Fall an einem Bild lange und übermale nichts, sondern schmeiße lieber weg und fange neu an“, zitiert der Ausstellungskatalog Baselitz. Vielleicht der Grund, warum sein Malduktus mit ungebrochener Wucht große wie kleine Formate dominiert. Dabei kennzeichnet eine leuchtende Farbigkeit seine jüngsten Serien, eine Leichtigkeit, die in keinem Widerspruch steht zur Ernsthaftigkeit der Bildsujets. Ob Mondrian, Dix, Arcimboldo, Canaletto, Raffael, Jasper Johns, Jackson Pollock, Edvard Munch: Georg Baselitz ist in der Kunstgeschichte zu Hause, reist, sieht – und denkt die Dinge grundsätzlich neu. Damit fordert er unsere Sehgewohnheiten heraus und ist nebenbei zum Medienstar geworden.

Medienstar und Schröderfreund 1800 Rückmeldungen verzeichnet die Kunsthalle für die Eröffnung am Freitagabend im Haller Globe. 500 Gäste passen in das Theater auf dem Unterwöhrd, der Event mit dem Künstler sowie Altkanzler und Baselitzfreund Gerhard Schröder wird auf eine Großleinwand übertragen.

Wer es ruhiger doch nicht minder intensiv mag, lässt sich Zeit und bis Ende März auf die anregende Bilderreise in der Kunsthalle ein, die mit einer wuchtigen „Kubistischen Gasmaske“ und einem Sprung ins Hier und Heute beginnt, der Baselitz’ Vorliebe für manieristische Vexierspiele verdeutlicht. Beugt man den Kopf um 90 Grad, lösen sich die farbigen Zitate aus Otto-Dix-Motiv und Arcimboldo-Versatzstücken – und tauchen zwei Hunde auf.

Auch in anderen Arbeiten spricht der Hundeliebhaber, der dem bloßen Pathos von Realismus so misstraut wie der puren Abstraktion. Und der mit seiner Bildsprache und technischen Experimentierfreude selbst Kunstgeschichte geschrieben hat von „Der Haken“ (1962), einem düstren Etwas zwischen Genital und Wurm, über die Holzschnitte aus der „Adler-Mappe“, famosen Linolschnitten aus den späten 70ern zu den „Remix“-Formaten wie „Die große Nacht von damals“.

Kunsthalle Würth: Ab Samstag bis 22. März, täglich von 10 bis 18 Uhr, Eintritt frei. Katalog: 34, 80 Euro.

Quelle Heilbronner Stimme vom 25. September 2008 von Claudia Ihlefeld www.stimme.de

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