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Ruhe nach dem Sturm

     
 
 

11.4.09

 

Keine seiner geliebten Hermes-Krawatten, kein Anzug, auch keine Koch-Jacke. Dafür Cordsakko, Poloshirt und schwarze Jeans. Allein die rahmengenähten Budapester und ein satter Vorrat filterloser Reval im Regal erinnern noch an alte Zeiten.

Der Alltag jenseits von Hotel- und Sternenglanz hat Lothar Eiermann (64) gepackt. Manchmal mehr, als ihm lieb war. Ganz angekommen ist er noch nicht. Aber er lernt, der neuen Freiheit Tag für Tag mehr Positives abzuringen. Seit 100 Tagen ist der Mann mit den markanten Gesichtszügen und der kellertiefen Stimme „ganz normaler Frührentner“, wie er es schmunzelnd nennt.

Abgemeldet

„Das war ganz schön heftig, bis hin zur Panik, wie wenn alles weggeschwommen ist“, berichtet er erstaunlich offen über seinen ersten Tag im Ruhestand. Zwei Wochen hat er noch in der alten Dienstwohnung über der Jägerstube gewohnt. Dann ist er ins fürstliche Forsthaus gezogen - immer noch mit Blickkontakt zum Wald- und Schlosshotel. „Das war anfangs zu nah, aber ich wollte erst mal abwarten“, sagt er. Drei Wochen hat er mit Symptomen gekämpft, die „dem Burn-out-Syndrom“ ähneln. „Als das vorbei war, hat es begonnen, teilweise auch sehr schön zu werden“, sagt Eiermann und man spürt, dass er sich aufgemacht hat, sein Leben neu anzupacken.

Abgelenkt

Geholfen haben ihm intensive Gespräche mit seiner Frau Carla, den Töchtern Alexa und Aline, und die Enkelinnen Emma (3) und Marlene (vier Monate). Aber auch sein Rückzug nach Bad Kleinkirchheim in Kärnten, wo er seit mehr als 30 Jahren den Februar mit Skifahren und Lesen verbringt. „Dort konnte ich abschalten, dort ist es richtig gut geworden“, sagt er. Wieder zurück im Forsthaus habe ihm „die Nähe zu Friedrichsruhe wesentlich weniger ausgemacht.“ Als Stütze empfindet Eiermann auch die Literatur. Zuletzt hat er Richard David Prechts „Wer bin ich - und wenn ja wie viele?“ gelesen. „Das hat mir wahnsinnig geholfen“, sagt der Literatur- und Philosophie-Freund. Eingeholt und abgelenkt haben ihn auch die Banalitäten des Alltags. Was andere ihm bislang abnahmen, muss er jetzt selber managen. Ob Einkauf, Überweisung oder Müllabfuhr.

Ein typischer Tag beginnt für den Nachtmenschen nicht vor neun. Nach dem Frühstück geht er ans „Postfach“, wie Eiermann den Briefkasten nennt, „trödelt ohne Zeitdruck“, liest „von hinten bis vorne Zeitung“, geht nach Öhringen einkaufen („möglichst Bio“) und gönnt sich mittags in der „Zimmerstunde“ etwas Schlaf. Nachmittags „ist immer irgendwas, und es ist schneller Abend, als man denkt“.

Gekocht wird mittags oder abends. Bei Eiermann ist das Chefsache. Manchmal bleibt die Küche kalt. Dann frönt der Meister auch mal seiner „Leidenschaft für Dosen-Fisch“ oder genießt „Demeter-Quark mit Schnittlauch und Pellkartoffeln“. Wenn er kocht, dann „meist Fisch“ und auf hohem Niveau. „Ich kann nicht anders“, sagt er, „auch wenn meine Frau manchmal schimpft, dass wir hier doch nicht in der Sterneküche sind.“

Wenn er aufs Wald- und Schlosshotel zu sprechen kommt, rutscht Eiermann immer wieder mal ein „Wir“ heraus. Und er verrät: „Ich träume fast jede Nacht von Friedrichsruhe, daran muss ich noch arbeiten.“ Kein Wunder. Das war - und ist immer noch - sein Kind. „Ich bin nicht zur Arbeit gegangen, Friedrichsruhe war mein Leben“, sagt er.

Angekommen

Noch ist er dabei, sein Leben neu zu arrangieren. Zu tun gibt es genug: Bilder aufhängen, Schreibtisch und Weinkeller sortieren, mit den Enkeltöchtern spielen. Eiermann hat seinen Porsche-Oldie angemeldet, nimmt wieder Golf-Stunden und will mit „Rennrad und Rucksack die Gegend erkunden“. Er hat „immer davon geträumt, im Mai und Oktober aufzusaugen, wie die Natur explodiert und sich wieder zurückzieht“. Jetzt hat er Zeit und empfindet die neue Lebensphase „auf jeden Fall als Bereicherung.“

Die ersten Schritte sind gemacht. „Ich spüre jetzt schon wieder so eine Kraft“, sagt Eiermann. „Immer mehr“ merkt er, dass es „richtig ist, in Hohenlohe zu bleiben, weil es eine wunderschöne Landschaft mit wunderbaren Menschen ist, die ich immer mehr liebe.“

Noch künden in Diele und Schlafzimmer der neuen Wohnung gut hundert seiner „geliebten“ Hermes Krawatten vom alten und neuen Leben. „Die brauche ich jetzt nur noch selten“, sagt Lothar Eiermann.

Zukunftspläne

Auch wenn er es zunehmend genießt, ohne Druck „einfach in den Tag hineinzuleben“, will er sich nicht ganz ins Private zurückziehen. Dafür hat Lothar Eiermann noch zu viel zu sagen. „Ich hatte jede Menge Anfragen, hab’ aber alles abgesagt, weil ich mindestens ein halbes Jahr warten will“, sagt er. Relativ sicher werde er jedoch einen Lehrauftrag an einer Fortbildungs-Schule von Relais & Châteaux in Paris oder an der Cote d’Azur übernehmen. „Michel Guerard unterrichtet die Franzosen, ich die anderen Nationen“, sagt Eiermann.

Aber auch in gedruckter Form will er seinen Erfahrungsschatz und seine Gastrosophie weitergeben. Das Thema Biografie hat er abgehakt. Eiermann denkt eher an „kürzere Beiträge in Fachzeitschriften“. Zum Beispiel darüber, „was mich stark gemacht hat, wie die neue Küche in den 80ern, die auf Grundehrlichkeit statt Blöff setzt.“ Oder über die Kochshow-Invasion im Fernsehen. Die Überschrift hat er schon: „Was Kochshows mit der Finanzkrise gemein haben.“ Eiermanns Antwort: „Beides sind Luftblasen und ich will zeigen, wie der Kochberuf wirklich ist.“

Vielleicht schreibt er auch über seine Rolle in der Spitzengastronomie, von der sich mancher kochende Schaumschläger ein paar Scheibchen abschneiden könnte. Selbstbewusst verzichtete er stets auf modische Trends, blieb unbequem und der französischen Klassik ebenso verpflichtet wie der Wahrheit.

„Ich glaube, dass ich etwas verkörpert habe, das bleibt, ich nenne es das selbstbewusste Dienern“, sagt Lothar Eiermann. Sprich: „Man macht für den Gast alles, was möglich ist, buckelt aber nicht.“


Hintergrund: Küchen-Pionier

Lothar Eiermann gilt als einer der Pioniere der Haute Cuisine in Deutschland und großen deutschen Küchenchefs der letzten Jahrzehnte. Er wurde 1945 im südbadischen Stühlingen geboren. Mit 14 begann er seine Kochlehre. Nach diversen Stationen in der Schweizer Spitzengastronomie und im damals legendären Erbprinz in Ettlingen machte er 1970 die Prüfung zum Küchenmeister, studierte bis 1972 Hotel-Betriebswirtschaft und arbeitete zwei Jahre als Management Trainee in England und Schottland.

Am 8. Dezember 1973 fing Eiermann als Küchenchef und Hoteldirektor in Personalunion im Wald- und Schlosshotel in Friedrichsruhe an, errang 1974 den ersten, 1979 den zweiten Michelin-Stern, den er mit einer Unterbrechung 14 Jahre lang hielt. Zum Jahresende 2008 beendete er nach 35 Jahren seine Tätigkeit im Wald- und Schlosshotel, das 2005 von der Würth-Gruppe übernommen worden war. Im Februar 2009 wurde Eiermann zum „Grand Chef Relais & Châteaux auf Lebenszeit“ ernannt.

Quelle Heilbronner Stimme vom 11. April 2009 von Jürgen Koch www.stimme.de

Weitere Informationen

Wald- und Schlosshotel Friedrichsruhe
   
Gastronomie Heilbronn-Franken
 
         
         
 
Heilbronn-Franken...
Robert T. Heinemann

Es gibt nicht viele Regionen, die bei der Fachkräftegewinnung so aktiv sind wie Heilbronn-Franken.

Dabei bin ich davon überzeugt, dass es auch ein sehr probates und gutes Mittel ist, eine Region interessant zu machen.

 
Robert T. Heinemann Geschäftsführer HEINEMANN MANAGEMENT CONSULTING
 
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