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ESA will Künzelsauer ins All schicken
     
 
 

22.5.09

 

Ein neuer deutscher Astronaut: Der Physiker Alexander Gerst ist von der Europäischen Weltraumorganisation ESA gemeinsam mit fünf anderen Europäern für künftige Reisen ins Weltall ausgesucht worden. Das teilte die ESA am Mittwoch in Paris mit. Gerst wurde 1976 in Künzelsau geboren und studierte in Karlsruhe und Neuseeland.

Neben Gerst bestanden zwei Italiener, ein Däne, ein Brite und ein Franzose alle Prüfungen. Die künftigen Raumfahrer wurden in einem mehrstufigen Verfahren aus 8413 Kandidaten ausgesucht.

„Wir sind an einem Wendepunkt der ESA-Raumfahrtaktivität“, erklärte die ESA. Mit der Internationalen Raumstation ISS und den Plänen zur Raumerkundung stehe die europäische Raumfahrt vor großen Herausforderungen.

Kindheitstraum wird wahr

Eigentlich erforscht Gerst, was die Erde in ihrem Inneren beben lässt: Er ist Vulkanologe. Jetzt wurde der 33-jährige Deutsche von der Europäischen Weltraumagentur ESA für Flüge in den Weltraum ausgewählt. „Die Raumfahrt hat mich immer fasziniert“, sagte Gerst am Mittwoch im ESA-Zentrum von Paris. „Ich hatte das immer im Hinterkopf, weil es mein Kindheitstraum war.“

Für ihn sei es „sehr wichtig, einen Beitrag zur Wissenschaft zu leisten“, sagte Gerst. Raumfahrt sei kein Selbstzweck, sondern diene der Wissenschaft und Wirtschaft. „Man geht dort hin, um etwas herauszufinden, was uns hier auf der Erde betrifft.“ Doch man solle auch einen Traum verfolgen, auch wenn er unwahrscheinlich erscheine. „Man kann nicht jeden Traum ausleben. Aber man muss jedem Traum eine faire Chance geben, erfüllt zu werden.“

Diese Chance will die ESA dem gebürtigen Künzelsauer jetzt geben. „Wir sollten mehr Raumfahrtmöglichkeiten schaffen“, sagt ESA-Generaldirektor Jean-Jacques Dourdain. „Meine Einschätzung ist, dass die Lebensdauer der Internationalen Raumstation ISS noch bis 2020 verlängert wird. Wir haben also sieben Flüge garantiert, und das sind Sechs-Monats-Flüge.“ Der Mars sei zwar weit weg. „Doch der Mond ist sicherlich in Reichweite“, sagt Dourdain. Allerdings ginge das nicht ohne Hilfe der Amerikaner oder Russen. „Der nächste Schritt nach der ISS ist die Erforschung des Mondes.“ 2020 sei eine Wegmarke.

Jahrelange Ausbildung

Gerst reicht das; er kann warten. Erst einmal steht eine jahrelange Ausbildung an. Die Grundausbildung erfolgt in Köln. „Der Weg ist das Ziel“, sagt er. „Für mich ist es eine einmalige Gelegenheit, meine Kenntnisse zu erweitern.“

Schon als kleiner Junge hatte er sich für die Sterne begeistert. Dazu trug sein Großvater bei: ein Amateurfunker. „Das Schönste, was er gemacht hat war, dass er seine Antenne in den Weltraum gerichtet hat und mich in das Funkgerät hat reinsprechen lassen“, berichtet Gerst. „Die Radiowellen sind dann zum Mond gereist, dort reflektiert - und zweieinhalb Sekunden später waren sie wieder auf der Erde.“ Er habe seine eigene Stimme im Radio gehört. „Für mich als Sechsjähriger war ein Teil von mir auf dem Mond und das hat mich so fasziniert, dass ich seitdem immer davon geträumt habe, Weltraumwissenschaft zu betreiben.“

Keine Angst

Dass die ESA ihm dazu die Chance bieten will, erfuhr Gerst auf dem Weg zum Schwimmen. „Ich bin erst schwimmen gegangen und habe dann meine Freundin angerufen“, sagt er. Angst hat der Forscher nach eigener Aussage nicht. „Als Vulkanologe hat man auch nicht gerade den ungefährlichsten Job“, sagt er. „Man muss Respekt haben. Und es ist wichtig, dass man sich auf ein Team verlassen kann.“

Die Frage, ob er lieber in der Internationalen Raumstation ISS arbeiten würde oder zum Mond oder Mars fliegen, mag Gerst nicht entscheiden. „Am liebsten zu allen Dreien.“ Alle drei Ziele seien attraktiv. „Die ISS ist eine wertvolle Quelle für wissenschaftliche Erkenntnis und Forschung, die uns hier auf der Erde zu Gute kommt.“ Mit dem Mond und dem Mars sei das prinzipiell dasselbe.

Gerst wurde am 3. Mai 1976 in Künzelsau geboren. Körperlich hält er sich mit Fechten, Schwimmen und Laufen fit. Gerst studierte in Karlsruhe und Wellington Geophysik und schrieb seine Masterarbeit in Neuseeland über Vulkane. „Wenn man Vulkane erforscht, ist das kein Selbstzweck“, sagt Gerst. „Wir gehen in die Antarktis, um etwas über unsere eigenen Vulkane in Europa zu lernen.“ So ähnlich sei das auch bei der Raumfahrt.

Erstmals eine Astronautin lernte Gerst auf einer Reise in die Antarktis kennen. „Sie hat mir viel über den Beruf erzählt und hat mich auch ermutigt, mich zu bewerben.“ 2002 habe er es dann versucht.

Die Auswahltests empfand der Wissenschaftler als angenehm. „Es war ein guter Auswahlprozess, weil keine Konkurrenzsituationen geschaffen wurden.“ Für die, die nicht genommen wurden, tue es ihm leid. Dass er es geschafft hat, wundert ihn noch immer: „Ich bin aus keinem Test rausgegangen und habe gesagt: "Das habe ich in der Tasche.“


Hintergrund: Deutsche im All

  • Hans Schlegel (geb. 1951): Der Physiker flog zuletzt im Februar 2008 mit der US-Weltraumfähre „Atlantis“ zur Internationalen Weltraumstation ISS. Bei der bis dahin größten europäischen Mission der bemannten Raumfahrt wurde das europäische Weltraumlabor „Columbus“ angedockt und eingeweiht. 1993 war Schlegel an Bord der Raumfähre „Columbia“, die im Rahmen der D-2-Mission ins All flog.

  • Thomas Reiter (geb. 1958): Für die Europäische Raumfahrtagentur ESA arbeitete Reiter 2006 fast sechs Monate auf der Internationalen Raumstation ISS. 1996 stellte der Astronaut mit 180 Tagen im All einen Rekord unter den nicht-russischen Raumfahrern auf.

  • Gerhard Thiele (geb. 1953): An Bord des US-Space-Shuttle „Endeavour“ umkreiste Thiele im Februar 2000 elf Tage lang die Erde.

  • Reinhold Ewald (geb. 1956): Im März 1997 kehrte der Astronaut nach 20-tägigem Aufenthalt in der russischen Raumstation „Mir“ mit der Raumkapsel „Sojus TM-24“ zur Erde zurück.

  • Ulf Merbold (geb. 1941): Nach zwei Weltraumreisen mit den US-Raumfähren „Columbia“ (1983) und „Discovery“ (1992) flog Merbold 1994 für die ESA zur russischen Raumstation „Mir“.

  • Ulrich Walter (geb. 1954): Gemeinsam mit Hans Schlegel gehörte Walter im Frühjahr 1993 zu den Astronauten der deutsch-amerikanischen D-2-Mission an Bord der „Columbia“-Raumfähre.

  • Klaus-Dietrich Flade (geb. 1952): Der Astronaut startete im März 1992 mit der russischen Raumkapsel „Sojus TM-14“ zur „Mir“.

  • Ernst Messerschmid (geb. 1945) und Reinhard Furrer (1940-1995): Sie gehörten 1985 zur Mannschaft des ersten „Spacelab“-Flugs unter deutscher Regie (D-1-Mission).

  • Sigmund Jähn (geb. 1937): Der DDR-Offizier war der erste Deutsche im All. Jähn flog 1978 mit dem sowjetischen Raumschiff „Sojus 31“ zur Raumstation „Saljut 6“.


Weitere Infos auf der ESA-Website

Quelle Heilbronner Stimme vom 20. Mai 2009 www.stimme.de  

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