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Region Heilbronn-Franken und seine Kreise Spitze

     
 
 

22.9.09

 

Welche Regionen in Deutschland sind wirtschaftlich fit für die Zukunft? Das Schweizer Wirtschaftsforschungsinstitut Prognos ermittelte für das Handelsblatt, wo fortschrittliche Branchen angesiedelt sind. Spitzenreiter des "Zukunftsatlas Branchen 2009" sind Hamburg, Berlin, München und Frankfurt – der Landkreis Heilbronn ist von 413 Landkreisen in Deutschland insgesamt betrachtet an 25. Stelle. Von den 25 deutschen TOP-Regionen mit zukunftsfähigen Branchen befinden sich allein zehn Standorte in Baden-Württemberg. Hohenlohe in der Branche Mess-, Steuer- und Regeltechnik auf Rang 18 – Schwäbisch Hall im Maschinenbau auf Rang 19.

Menschenleere Straßenzüge, zerfallende Häuser, verwaiste Werkshallen. Wer durch die amerikanische Stadt Detroit fährt, erlebt das Siechtum der einst so stolzen "Motor City". Das Zentrum der amerikanischen Automobilindustrie mit den "Big Three" Chrysler, Ford und General Motors steht wirtschaftlich am Abgrund. Und mit der Branche die ganze Region. Denn fast alles dreht sich in Detroit ums Automobil. Die überdimensionierten Spritschlucker aber will spätestens seit der Finanzkrise kaum jemand mehr kaufen. Seitdem haben noch mehr Detroiter Job und Haus verloren. Wer kann, verlässt die Stadt. Die einstige Boomtown wird zur Geisterstadt.

Ähnlich deprimierend sieht es in einigen Städten des Ruhrgebiets aus. Der Strukturwandel weg von der alten Schwerindustrie gelang im einstigen industriellen Herz Deutschlands längst nicht überall. Jetzt hat die globale Rezession der Region einen zusätzlichen Schlag verpasst. Kurzarbeit bewahrt die Menschen vorerst vor Massenentlassungen.

Beide Beispiele veranschaulichen eines ganz deutlich: Schon der Niedergang einer einzigen Branche kann ausreichen, um den wirtschaftlichen Glanz ganzer Regionen verblassen zu lassen.

An und für sich ist die räumliche Ballung von Unternehmen ein und derselben Branche vorteilhaft. Denn meist befruchten sie sich gegenseitig und ziehen Satelliten von Zulieferern in ihre Umlaufbahn.

Solche Cluster bergen allerdings das Risiko einer sektoralen Monostruktur, warnt Rolf Sternberg, Professor für Wirtschaftsgeografie an der Universität Hannover: "Gerät dann diese eine Branche in die Krise - egal ob konjunkturell oder strukturell bedingt -, entwickelt sich daraus schnell eine regionale Krise."

Welche Regionen in Deutschland sind wirtschaftlich fit für die Zukunft? Dieser Frage sind die Experten des Schweizer Wirtschaftsforschungsinstituts Prognos für das Handelsblatt nachgegangen: Festgehalten sind diese Erkenntnisse im "Zukunftsatlas Branchen 2009". Dieser Atlas zeigt die räumliche Verteilung der wirtschaftlichen Zukunftsfelder, die langfristig das höchste Potenzial besitzen.

"Der Atlas trifft aber keine Aussage über die gesamte Zukunftsfähigkeit einer Region", stellt Peter Kaiser, Studienleiter und Prognos-Experte für regionale Strategien klar. Die Wachstumspotenziale müssten von Unternehmen, Politik und Wirtschaftsförderern der Region auch genutzt werden.

Unstreitig ist: Deutschland ist global nur zukunftsfähig mit technologie- und wissensintensiven Produkten und Dienstleistungen. Schon heute ist die Bundesrepublik unter allen Industrieländern der OECD das Land mit dem zweitgrößten Anteil an forschungsintensiven Industrien. "Gerade in der Krise wird offenbar, wie wichtig Wissen und Innovationsfähigkeit als Standortfaktoren sind", unterstreicht Prognos-Geschäftsführer Christian Böllhoff.

Sehr gute Zukunftsaussichten prognostiziert die Studie solchen Branchen, die gut in die Weltmärkte integriert sind, industrierelevante Querschnittstechnologien anbieten beziehungsweise durch Forschung und Beratung die Innovationsfähigkeit anderer Unternehmen unterstützen. In einem aufwendigen mehrstufigen Verfahren haben die Prognos-Experten insgesamt sieben Wirtschaftsbereiche mit langfristigen Wachstumspotenzialen herausgefiltert: Gesundheitswirtschaft, Informations- und Kommunikationstechnologie (IKT), Mess-, Steuer- und Regeltechnik und hochwertige Unternehmens- und Forschungs- und Entwicklungsdienstleistungen sowie Logistik, Fahrzeugbau, Maschinenbau. Letztere sind zwar von der aktuellen Rezession besonders hart getroffen, behalten aber laut Prognos ihre Relevanz als Leitbranchen der deutschen Wirtschaft.

Der Prognos-Atlas zeigt, wo in Deutschland sich diese sieben Zukunftsbranchen räumlich konzentrieren - nämlich in den großen Ballungsräumen und auf der Achse Frankfurt/Main über Stuttgart bis zum Bodensee. Spitzenreiter unter den zukunftsfähigen Regionen ist Hamburg vor Berlin, München und Frankfurt.

"Die Hansestadt ist in allen sieben Zukunftsfeldern überdurchschnittlich stark", begründet Studienleiter Peter Kaiser. Als internationales Drehkreuz ist die Hafenstadt in der Logistik die führende Region Deutschlands. In der Gesundheitswirtschaft und bei hochwertigen Unternehmensdienstleistungen rangiert Hamburg bundesweit an dritter Stelle. In der Informationstechnologie und im Fahrzeugbau arbeiten in der Hansestadt ebenfalls überdurchschnittlich viele Beschäftigte.

Auch Berlin und München, die Platz zwei und drei der Regionen mit zukunftsfähigen Branchen belegen, sind alles andere als eindimensional ausgerichtet. Die Hauptstadt ist führend in der Gesundheitswirtschaft. Bei hochwertigen Unternehmens- und Forschungsdienstleistungen rangiert sie hinter München an zweiter Stelle.

Wie überlebenswichtig mehrere stabile Standbeine für einen Wirtschaftsraum sind, zeigt sich gerade jetzt in der Rezession. "Regionen mit Clustern verschiedener zukunftsträchtiger Branchen sind am wenigsten krisenanfällig", betont Prognos-Chef Böllhoff. Auch Wirtschaftsgeograf Sternberg rät Regionen zur Diversifikation von Wirtschaftszweigen. "Diese sollten nicht zu eng verwandt sein, damit sie nicht in den Abwärtssog einer taumelnden Branche geraten."

Fakt ist jedoch: Viele Regionalpolitiker und Wirtschaftsförderer sind Sternberg zufolge überfordert. Der Grund: Sie könnten die räumlichen Konsequenzen der Technologieentwicklung schlicht nicht einschätzen. Zudem stehen sie vor dem Problem, dass sich Zukunftscluster nicht erzwingen lassen. Allein schon das Image einer Region spielt eine große Rolle.

Wichtig für wissens- und technologieintensive Cluster ist vor allem die Nähe zu Hochschulen und Forschungsinstituten, betont Sternberg. Und die sind in den Metropolen konzentriert anzutreffen. Die Think-Tanks ermöglichen den nötigen Wissenstransfer und sorgen für den unabdingbaren Nachschub an qualifiziertem Personal. Ballungsräume haben zudem den Vorteil, dass sich auf engstem Raum Cluster verschiedener Branchen gegenseitig befruchten können. Böllhoff: "In den Metropolen konzentrieren sich die Innovationstreiber."

Doch auch die vermeintliche Provinz hat Zukunft. Etliche kleine, aber feine Clusterregionen wie Biberach, Esslingen, Tuttlingen oder der Rhein-Neckar-Kreis konnten sich unter den Top 20 der insgesamt 413 Kreise und kreisfreien Städte platzieren. Das Ländle ist Deutschlands absolute Spitzenregion für Zukunftscluster. Hier sind vor allem der Maschinenbau und die Gesundheitswirtschaft stark. Viele kleine und mittelständische Betriebe - oft familiengeführt - haben sich in ihrer Nische zu Weltmarktführern ("Hidden Champions") emporgearbeitet. Ihnen räumt Prognos nach der Krise beste Zukunftschancen ein.

Längst haben sich auch in diesen eher ländlichen Regionen Hochschulen angesiedelt, die für passgenauen Nachwuchs für die Betriebe vor Ort sorgen: so zum Beispiel die stark praxisorientierten Hochschulen in Biberach, Esslingen oder Heilbronn mit den Schwerpunkten Ingenieurwesen und Technik. In Biberach arbeitet schon heute fast jeder zweite Beschäftigte in einer Zukunftsbranche - bundesweit ist es noch nicht einmal jeder dritte, ermittelte die Prognos-Studie.

Im Zukunftsatlas ist ein deutliches Süd-Nord-Gefälle zu erkennen. Neben Baden-Württemberg hat auch der Freistaat Bayern starke Standorte. "Der Raum München, in der Nachkriegszeit wirtschaftlich eher unbedeutend, hat sich durch gezielte Wirtschaftsförderung zu einem Magneten für moderne Industrien und Dienstleister entwickelt", sagt Sternberg.

Der Osten Deutschlands dagegen hinkt weiter hinterher. 20 Jahre nach dem Fall der Mauer ragt dort abgesehen von Berlin nur noch Dresden als einsamer Leuchtturm im Gesamtatlas heraus. "Traditionsreiche einstige Cluster wie Leipzig, Zwickau, Jena oder Chemnitz kristallisieren sich erst langsam wieder heraus", beobachtet Prognos-Experte Peter Kaiser. Ansonsten sind gerade im Nordosten Deutschlands viele weiße Flecken auf dem Zukunftsatlas zu sehen.

Trotz aller regionalen Unterschiede und Strukturprobleme in so mancher Region kann sich die Bundesrepublik insgesamt glücklich schätzen: "Im Gegensatz zu anderen Ländern wie den USA oder Japan sind in Deutschland zukunftsfähige Unternehmen räumlich relativ gleichmäßig verteilt", betont Professor Sternberg. Die gute Erreichbarkeit macht's möglich. Von Detroit bis nach Chicago, dem nächstgelegenen bedeutenden Wirtschaftszentrum, sind es immerhin stolze 450 km.

Quelle: Handelsblatt vom 21. September 2009

Maschinenbauer stark im „Land der Tüftler“

Kaum eine Branche weist ein derartiges Süd-Nord-Gefälle auf wie der Maschinenbau. Unter den zehn größten Standorten dieser Paradebranche der deutschen Investitionsgüterindustrie liegt nur Gütersloh nicht im Süden der Republik. Rund um Stuttgart hat etwa ein Drittel der Branche ihren Sitz, was vor allem mit der starken Stellung der Autoindustrie in dieser Region zu tun hat. Viele Maschinenbauer liefern ihre Anlagen an die Autoindustrie, oder sie haben Autozulieferer als Kunden. So ist Esslingen vor den Toren Stuttgarts mit rund 20000 Beschäftigten der größte Maschinenbaustandort in Deutschland. Hier dominiert der Werkzeugmaschinenbau.

Bekannte Unternehmen wie die Index Werke, Eberspächer, Gebr. Heller, aber auch Maschinenbauer, die nicht an die Autoindustrie liefern wie Metabo und Thyssen-Krupp Aufzugwerke haben ihren Sitz im Kreis Esslingen. Namen wie Trumpf oder Dürr stehen für weltbekannte Maschinenbauer aus der Region Stuttgart. Wer an den Maschinenbau denkt, dem fällt sofort Baden-Württemberg ein. Nicht nur im Großraum Stuttgart werkeln diese Unternehmen, sondern vor allem weit verteilt über das Land. Im „Land der Tüftler“ befinden sich viele dieser typischen Maschinenbauer in kleinen Städten: Typische Familienunternehmen, relativ klein, hochspezialisiert, aber Weltmarktführer mit hohem Exportanteil in einer kleinen Nische.

Der durchschnittliche deutsche Maschinenbauer beschäftigt 154 Personen. Zusammengenommen ist die Branche der zweitgrößte industrielle Arbeitgeber nach der Autoindustrie. Das größte Wachstum im Maschinenbau zeigte in den letzten Jahren regional der Bodenseekreis. In den vergangenen acht Jahren hat sich die Zahl der Beschäftigten in dieser Region verdoppelt und beträgt heute rund 16000 Personen. Hier dominieren allerdings zwei Großunternehmen die Region: ZF Friedrichshafen Hersteller von Lagern, Getrieben, Zahnrädern und Antriebselementen mit weltweit 61000 Beschäftigten und Tognum mit der Marke MTU, einer der großen Anbieter von Dieselmotoren und Antriebssystemen unter anderem für Schiffe.

Aktuell steckt der deutsche Maschinenbau in einer tiefen Konjunkturkrise. Nach einem außergewöhnlich langen Boom von fünf Jahren hat es die Branche schwerer erwischt als viele andere. Für das laufende Jahr rechnet der Branchenverband VDMA mit einem Rückgang der Produktion von 20 Prozent. Für das kommende Jahr erwartet Verbandspräsident Manfred Wittenstein lediglich eine Stagnation. Mittelfristig bleibt er jedoch optimistisch: „Gerade die kleinen und mittleren Unternehmen des Maschinenbaus haben in der Vergangenheit bewiesen, mit welch hohem Maß an Flexibilität sie sich auf veränderte Rahmenbedingungen und Umstände einstellen können.“

Quelle: Handelsblatt vom 21. September 2009

Messtechniker sitzen an der Rheinschiene

„Wir sind dort, wo die Kunden sind“, sagt Felix Seibl, Geschäftsführer im Bereich Messtechnik und Prozessautomatisierung im Fachverband ZVEI. Schließlich ist die Mess-, Steuer- und Regeltechnik eine klassische Querschnittsbranche mit einer Vielzahl von Anwendungsgebieten. Die Hauptkunden kommen aus den Bereichen Chemie und Pharma. Deshalb haben sich die Hersteller in der Nähe der großen Auftraggeber angesiedelt. Vor allem entlang der Rheinschiene von Basel bis Leverkusen sitzen wichtige Unternehmen. Die Branche wächst mit den Kunden.

Und derzeit geht es denen eher schlecht. Infolge der Konjunkturkrise sank der Umsatz im ersten Halbjahr um knapp 20 Prozent auf knapp sieben Milliarden Euro. „Die Branche ist aber nicht so stark konjunkturabhängig wie andere Bereiche“, sagt Seibl. Denn abgesehen von der Chemieindustrie spüren Kunden aus den Bereichen Pharma, Nahrung und Wassertechnik die Konjunkturausschläge weniger. Mittelfristig sind die Aussichten für Mess-, Steuer- und Regeltechnik wieder sehr gut.

Obwohl auch Großkonzerne wie Siemens und ABB in dieser Branche tätig sind, ist sie doch eine Domäne des Mittelstandes. Regional ist die Gegend um Freiburg ein Zentrum der Mess- und Regeltechnik. Rund 2600 Arbeitsplätze sind hier seit dem Jahr in dieser Branche entstanden. Mit der Nähe zu dem Chemiezentrum um Basel und den Chemiewerken am Oberrhein haben sich in der Region Freiburg rund 80 Hersteller der Messtechnik niedergelassen. Zwei Unternehmen haben besonderes Gewicht: Endress+Hauser und die SickAG. Das in Lörrach gegründete Familienunternehmen Endress + Hauser konzentriert sich auf die Messung und Regelung von Flüssigkeiten und Gasen. Bei Sick aus Waldkirch im Breisgau stehen dagegen vor allem Sensoren für die Fertigungs- und Prozessindustrie im Vordergrund. Aber auch kleinere Firmen wie Ekato - als größter europäischer Spezialist für die Rühr- und Mischtechnik - sitzen in der Region Freiburg.

Ein zweites, weniger bekanntes Zentrum der Mess-, Steuer- und Regeltechnik ist Bremen. Nach München und Freiburg ist die Hansestadt sogar der drittgrößte Standort der Branche in Deutschland. In Bremen haben sich besonders Unternehmen der Robotik und der entsprechenden Sensorik angesiedelt. Sie haben Kunden in der Logistik, Raumfahrt und Schiffbau. Bremen ist führender Standort der Massenspektrometrie in Deutschland. Diese Geräte dienen vor allem der Bestimmung von Krankheitsursachen. Die beiden führenden Firmen Thermo Fischer und Bruker Daltonik decken zusammen rund 40 Prozent des Weltmarktes für Massenspektrometrie ab. Daneben ist Bremen auch einwichtiger Forschungsstandort auf dem Gebiet der Messtechnik.

Quelle: Handelsblatt vom 21. September 2009

Der Reiz von Hohenlohe

Nirgendwo sonst sind gemessen an der Zahl der Einwohner so viele Firmen Weltspitze
Künzelsau - Steffen Schoch gerät leicht ins Schwärmen über die "liebliche Hohenloher Landschaft": die Täler, die Geschichte, das Fürstenhaus, auf jedem Hügel ein Schloss oder eine Burg, die Menschen, die Gastronomie. "In der Region Hohenlohe lässt es sich gut leben", sagt der 42-Jährige. Er schwärmt schon von Berufs wegen. Seit zehn Jahren ist er Geschäftsführer der Wirtschaftsregion Heilbronn-Franken, einer Gesellschaft für Standortmarketing und Wirtschaftsförderung für die Stadt Heilbronn und die Kreise Heilbronn, Hohenlohe, Main-Tauber und Schwäbisch Hall. Hohenlohe erstreckt sich über mehrere Kreise.

Schoch stammt aus Heilbronn, seine Großmutter war aus Hohenlohe. Fast zehn Jahre hat er in Berlin gearbeitet. "Meine Freunde aus der Großstadt staunen nicht schlecht, wenn man von einem Tal in das nächste biegt und dann steht da plötzlich so ein Industrieunternehmen." Firmen wie der Ventilatorenhersteller EBM Papst in Mulfingen oder ein paar Kilometer weiter der Konkurrent Ziehl-Abegg in Künzelsau oder die grauen Firmengebäude des Befestigungsspezialisten Würth mit den Zinnen im Firmenlogo. "Der Würth taucht plötzlich auf wie aus dem Nichts", sagt Schoch. Er kann die Firmennamen aufzählen so schnell wie andere das Alphabet. "Mit uns ist das wie mit den sieben Zwergen. Niemand hat mitbekommen, dass es uns gibt, und plötzlich waren wir mit unseren Innovationen auf dem Weltmarkt und sind dort nicht mehr wegzudenken."

In keinem anderen Landkreis sitzen gemessen an der Einwohnerzahl mehr deutsche Weltmarktführer als im Kreis Hohenlohe, hat Bernd Venohr, Berater und Professor an der Hochschule für Wirtschaft und Recht in Berlin, ausgerechnet. Insgesamt hat er in Deutschland bislang gut 1500 Weltmarktführer ausgemacht, die mehrheitlich im Besitz einer Familie sind. Der Bonner Unternehmensberater und Professor Hermann Simon bescheinigt diesen Hidden Champions, wie er sie nennt, einen gesunden Menschenverstand, ein gutes Gespür für Markt und Kunden, eine Leidenschaft für ihre Aufgabe und eine starke Innovationskraft.

Was Menschen zu Höchstleistungen treibt, haben viele Wissenschaftler zu ergründen versucht. Der Soziologe Max Weber oder der Jesuit Oswald von Nell-Breuning etwa sahen die christliche Arbeitsethik, wo Werte wie Verantwortung, Disziplin, Solidarität, Menschlichkeit zählen, als einer der Triebfedern wirtschaftlichen Handels. Es ist wohl eine rechnerisch nicht zu ermittelnde und variierende Mischung aus mentaler und intellektueller Stärke, Glück, Zufälligkeiten, politischen, historischen und geografischen Faktoren, die Weltmarktführer macht und ausmacht. Über die Hohenloher hat Standortvermarkter Schoch seine eigene Erfolgstheorie entwickelt. "Es sind sehr stolze Menschen. Man braucht unheimlich lange, um Freundschaften zu schließen. Das geht nicht mal eben bei einem Bier am Stammtisch. Aber wenn man sie dann mal aufgeknackt hat, dann sind das Freundschaften fürs Leben."

Und das gelte, sagt Schoch, auch für die Unternehmer: "Zuerst sind sie ein wenig misstrauisch, aber wenn erst einmal so ein Netzwerk steht, geht man durch Dick und Dünn miteinander." 54 Weltmarktführer hat er in seinem Revier gezählt. Firmen wie Bürkert und Gemü aus Ingelfingen, beide haben sich auf Mess-, Steuer- und Regelungstechnik spezialisiert.

Nicht alle Unternehmen sind groß genug, um es in die Top 100 zu schaffen, allein schon weil ihre Märkte zu klein sind. Häufig sitzt die Konkurrenz in nächster Nähe, so wie im sogenannten Packaging Valley mit eigenem Verein und Internetauftritt. Um die Städte Schwäbisch-Hall und Crailsheim haben sich rund drei Dutzend Hersteller von Verpackungsmaschinen angesiedelt, vor allem für die Lebensmittel-, Pharma- und Kosmetik-Industrie. "Wettbewerb befruchtet eben", sagt Steffen Schoch.
"Häufig handelt es sich auch um Ausgründungen, so wie bei EBM Papst", erläutert Peter Kirchner, 41, Professor an der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg. Diese Firma hat Gerhard Sturm, ein Ex-Mitarbeiter von Ziehl-Abegg, mit Hilfe seines ehemaligen Chefs gegründet. Keine andere Region hat Wirtschaftsgeograph Kirchner gründlicher erforscht als Heilbronn-Franken. "Armut macht erfinderisch", sagt er. Die Suche nach einem Nebenerwerb war einer der Gründe für die Entstehung der Uhrenindustrie im Schwarzwald. Hohenlohe profitierte auch vom Technologietransfer. Den Grundstock etwa für die Schraubenindustrie legte der Handlungsreisende Hermann Ruhnau aus dem Sauerland, der mit einem Partner Ende des 19. Jahrhunderts im Kochertal die Eisenwarenfabrik Arnold gründete. Einer der Lehrlinge, Gotthilf Reisser, stieg dann in den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts mit seinen beiden Brüdern in den Schraubenhandel ein. Adolf Würth war bis 1942 ihr Prokurist, 1945 machte er sich selbständig. Der Aufstieg der Würths ist legendär.

Noch im 19. Jahrhundert beschränkte sich in der Region Kirchner zufolge die Industrialisierung weitgehend auf das Neckartal. Das war politisch so gewollt. Auch als Sturm Anfang der 60er Jahre seine Firma gründete, machten ihm Landespolitiker zur Auflage, dass bei EBM nicht mehr als 85 Mitarbeiter beschäftigt sein dürften.

Der Landwirtschaft sollten nicht im Übermaß Arbeitskräfte entzogen werden. "Da hatte der Strukturwandel in der Region aber längst begonnen", sagt Kirchner. "Nach dem Zweiten Weltkrieg folgte ein regelrechter Industrialisierungsschub." Viele Familienunternehmer flohen aus Thüringen, Sachsen, Schlesien und dem Sudetenland in den Westen. "Sie ließen sich gerne in ländlichen Gebieten nieder, weil die westdeutschen Städte zerbombt waren und sich die Menschen nach Krieg und Flucht auf dem Lande wohl sicherer fühlten", erklärt Kirchner - so wie die Berliner Günther und Heinz Ziehl von Ziehl-Abegg. Die Thüringer Karl König und Erich Meyer, Hersteller von Notenpulten und Messtechnik, zogen nach Wertheim, weil sie im Radio vom leerstehenden Gebäude eines Fliegerhorstes gehört hatten.

Vom Exodus der Unternehmer und vier Jahrzehnten sozialistischer Planwirtschaft haben sich die neuen Bundesländer bis heute nicht ganz erholt. Unter die Top 100 schaffte es kein einziger ostdeutscher Weltmarktführer, wenngleich sich auch wie im sogenannten Solarvalley in Mitteldeutschland mit Solarworld oder Ersol einige Marktführer finden.

Der Bau der Autobahnen A6 und A81 in den 70er Jahren sorgte in der Region Heilbronn-Franken für einen weiteren Entwicklungsschub, sagt Kirchner. "In Hohenlohe lag die Arbeitslosenrate lange um die drei Prozent, also Vollbeschäftigung", erklärt Schoch. "In der Krise werden die Karten neu gemischt." Auch Weltmarktführerschaft schützt nun nicht vor Insolvenz, wie Autozulieferer Karmann aus Osnabrück und Knorr aus Künzelsau zeigen, die Nummer eins bei Anlagen für die graphische Industrie.

Quelle: Süddeutsche Zeitung vom 14. Mai 2009

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