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Reinhold Würth 60 Jahre im Unternehmen

     
 
 

1.10.09

  1949 trat er als Lehrling in die väterliche Schraubengroßhandlung in Künzelsau ein. 1954 übernahm er nach dem Tod des Vaters die Leitung des damaligen Zwei-Mann-Betriebs.

Ein ungewöhnliches Betriebsjubiläum wird heute in Künzelsau-Gaisbach gefeiert: Reinhold Würth ist auf den Tag genau 60 Jahre Mitarbeiter des Weltmarktführers für Befestigungssysteme. Im Interview mit Chefredakteur Uwe Ralf Heer wird deutlich, dass sich der Milliardär noch lange nicht aus dem Geschäftsleben zurückgezogen hat. Der 74-Jährige spricht über den privaten Umzug nach Salzburg, den Wechsel der Konzernspitze in die Schweiz und die Zukunft der deutschen Standorte. Ans Aufhören denkt er nicht.

Wer für 60 Jahre Mitarbeit in einem Unternehmen ausgezeichnet wird, der muss noch immer aktiv sein.

Reinhold Würth: Ich bin schon noch aktiv, wenn auch auf andere Art und Weise als vor zehn, 20 oder 30 Jahren. Aber man darf nicht vergessen, ich bin Vorsitzender des Stiftungsaufsichtsrates und damit sozusagen der Kapitaleigner.

Also stimmt es doch, dass keine wichtige Entscheidung ohne Sie fällt?

Würth: Das würde ich so wirklich nicht sagen. Es fallen schon viele Entscheidungen ohne mich. Beispielsweise die Rücknahme der Lohnkürzungen, das hat die Geschäftsleitung entschieden. Ich trage das natürlich mit, habe aber auch zur Vorsicht geraten.

Kann man als Firmengründer, wie Sie einer sind, gar nicht loslassen?

Würth: Nein, nein, ich lass’ schon los. Wenn aber die Konzernführung oder meine Tochter mich um Rat fragen, dann gebe ich den gerne. Wenn es nach meinem Gefühl mal ganz in eine andere Richtung gehen würde, dann nehme ich mir als Kapitaleigner schon raus zu sagen: Leute, damit bin ich nicht einverstanden.

Blicken wir zurück auf ihren ersten Arbeitstag am 1. Oktober 1949 – da waren Sie 14 Jahre alt.

Würth: Eigentlich fing ich viel früher an, denn ich habe schon als Zehnjähriger die Schrauben verpackt und auf den Bahnhof gefahren. Wenn man meine Arbeitszeit auf gewerkschaftsorientierte Ansprüche umrechnen würde mit Urlaub, Feier- oder Krankheitstagen, dann hätte ich schon etwa 100 Jahre gearbeitet.

Wie sieht denn heute so ein Arbeitstag bei Ihnen aus?

Würth: Gestern und vorgestern war ich in der Schweiz in Rorschach, dann bin ich nach Köln geflogen und habe einen Vortrag gehalten, anschließend habe ich auf dem Rückflug nach Schwäbisch Hall Briefe diktiert und auf der Heimfahrt nach Hermersberg ebenso gearbeitet. Heute habe ich um 9 Uhr einen Vortrag im Alma-Würth-Saal gehalten. Das geht so weiter bis 22 Uhr.

Ist es eigentlich immer noch so, dass Sie jeden Monatsbeginn die Umsätze aller ihrer mehr als 400 Gesellschaften in 84 Ländern kontrollieren und dann bei einer negativen Entwicklung zu den Sorgenkindern fliegen und dort nach dem Rechten schauen?


Würth: Das mit der Information mache ich heute noch, es ist doch viel zu spannend, um diese nicht aufzunehmen. Mit dem Hinfliegen, wenn es nicht so läuft, ist es allerdings nicht mehr ganz so.

Was bleibt an negativen Erfahrungen aus sechs Jahrzehnten haften?

Würth: Die Schließung von Würth-Bau 1985 mit zehn Millionen Mark Verlust war ein negativer Punkt, da musste ich einen Privatkredit aufnehmen, um das Firmenkapital nicht zu belasten. Natürlich hat es auch Krisen und Rückschläge gegeben, aber sie waren nie existenzgefährdend, und ich habe daraus gelernt. Wir sind heute toll aufgestellt.

Hat Sie irgendein Erfolg überrascht?

Würth: Ganz klar die Entwicklung bei Würth Elektronik und Würth Solar. Photovoltaik war am Anfang für mich eher ein Werbegag. Ich hätte nie gedacht, dass das ein profitabler Betriebszweig werden könnte.

Würden Sie heute irgend etwas anders machen? Ich denke an Ihren Brief, in dem Sie die Mitarbeiter aufgefordert haben, nicht mehr während der Dienstzeit zu tanken...

Würth: Das mit dem Tanken, das würde ich wieder so sagen. Es ist zwar zum Schmunzeln, aber trotzdem wahr. Ansonsten fällt mir nichts ein, was ich anders machen würde.

In der augenblicklichen Krisensituation werfen Ihnen viele Pessimismus vor. Sind Sie ein Schwarzmaler?

Würth: Es macht keinen Sinn, alles schön zu färben. Es gehört zum Immunsystem des Unternehmens, Antikörper aufzubauen, damit man nicht unvorbereitet dasteht, wenn etwas passiert. Die Konsequenz daraus ist, dass unser Unternehmen eine halbe Milliarde Euro flüssige Mittel hat. Wir sind gerüstet. Am Ende der Krise gibt es dagegen einige Firmen, die nicht mehr die Kraft haben werden, den Aufschwung zu finanzieren.

Planen Sie Zukäufe?

Würth: Ich glaube tatsächlich, dass wir am Ende der Krise ein paar Firmenzukäufe machen können. Wir sind ja zur Zeit sehr zurückhaltend. Aber man soll Truppen aufbauen und zuschlagen, wenn der optimale Zeitpunkt gegeben ist.

Und wann endet die Krise?

Würth: Schon vor acht Monaten habe ich gesagt, dass diese Krise frühestens im vierten Quartal 2011 zu Ende geht.

Warum erst 2011?

Würth: Wir haben gerade einen dramatischen Rückgang der Baugenehmigungen, diese Delle kommt ein halbes Jahr später bei den Handwerkern an. Jetzt ist das Handwerk noch toll ausgelastet, aber das ändert sich. Zudem wird 2010 die Autobranche sicher dramatisch einbrechen. Außerdem sind die Exporte so extrem zurückgegangen, bis sie das Niveau von 2008 erreicht haben, gehen zwei, drei Jahre rum. Rosaroter Optimismus ist nicht angesagt.

Zu 60 Jahren Arbeitsleben gehört auch das Urteil gegen Sie im Steuerverfahren. Was haben Sie daraus gelernt?

Würth: Eigentlich wollte ich das Thema gar nicht anschneiden, aber was ich dabei gelernt habe, ist, dass es Neider gibt. Diese Geschichte war nach dem Tod meines Vaters der größte Schock meines Lebens. Vor allem wenn man bedenkt, dass genau in diesen Jahren 114 Millionen Euro an Spenden von mir gemacht worden sind. Da kam mein Bild über Verhältnismäßigkeit und Relation kräftig durcheinander. Die Wunden sind verheilt, aber Narben sind geblieben. Meinen Frieden habe ich aber gefunden.

Viele vermuten in diesem Vorgang die Ursache für den Umzug der Konzernspitze in die Schweiz.

Würth: Ich bin jetzt bald 75 Jahre alt, da könnte ich denken: Nach mir die Sintflut. Ich möchte aber für dieses Unternehmen noch einen langen Lebenszyklus vorbereiten. Schauen Sie: Unser Hauptkonkurrent Hilti sitzt in Liechtenstein. Die zahlen so wenig Steuern, da können wir das Doppelte verdienen und haben nachher weniger in der Kasse. Auch bietet Rorschach mit den Flugplätzen Zürich und St. Gallen für die mit Linie reisenden Geschäftsführer erhebliche Zeitvorteile gegenüber der Distanz Frankfurt/Künzelsau.

Hat der Wechsel in die Schweiz Auswirkungen für Künzelsau?

Würth: Überhaupt nicht. Im Gegenteil. Die Anzahl der Mitarbeiter wird gleich bleiben, denn ich rechne mit weiterem Wachstum auch in Deutschland, dadurch werden die wenigen Arbeitsplätze der Konzernführung ersetzt durch andere aktive Mitarbeiter.

Künzelsau bekommt aber weniger Gewerbesteuer?

Würth: Im Gegenteil, die bekommen sogar mehr Gewerbesteuer, weil die Kosten, die die Konzernführung hier verursacht, teilweise in die Schweiz wandern und in Deutschland gar nicht mehr verrechenbar sind.

Hat aber dieser Umzug nicht auch etwas mit Ihrem Verhältnis zu manchen Behörden zu tun?

Würth: Eines stimmt: Man hat den Eindruck, die deutschen Behörden entwickeln sich zu einem Sondersubstrat des Staates. Das ist in der Schweiz komplett anders. In Deutschland gehört der Bürger dem Staat, in der Schweiz gehört der Staat den Bürgern. Dort gibt es ein gewisses Grundvertrauen zwischen Bürgern und Staat. Betriebsprüfungen in der Schweiz dauern bei großen Unternehmen nicht länger als fünf Arbeitstage, in Deutschland haben wir im Vierjahresblock das Finanzamt zweieinhalb Jahre im Haus, teilweise wälzen vier Mann jedes Blättle Papier um.

Ein Grund mehr, dass Sie ihren Wohnsitz in Salzburg nehmen?

Würth: Mein Erstwohnsitz wird in jedem Fall Salzburg, aber meinen Zweitwohnsitz möchte ich schon hier in Hermersberg behalten. Ich bleibe der Region verbunden.

Ein Lieblingsprojekt war die Kultur- und Kongresshalle in Gaisbach. Ruhen die Hallenpläne auf Dauer?

Würth: Nein, nicht auf Dauer, aber in dieser Krise auf jeden Fall. Die Pläne sind nicht gestorben, denn wir haben schon einen siebenstelligen Betrag investiert. Ob das dann ein klein wenig reduziert werden muss, das wird sich zeigen.

Und was macht der Mitarbeiter Reinhold Würth an seinem 65. Firmenjubiläum im Jahr 2014?

Würth: Ich hoffe, dass wir bis dahin die zehn Milliarden Euro Umsatz deutlich überschritten haben. In Japan sind 40 000 100-Jährige unterwegs, also da hab ich noch einiges vor mir, so Gott will. Ich werde zwar einige Dinge weniger machen, aber wenn alles gut geht, werde ich sicher auch in fünf Jahren noch in meinem Unternehmen aktiv sein.

Zur Person: Reinhold Würth
Der Hohenloher Unternehmer wurde am 20. April 1935 in Öhringen geboren. Er ist verheiratet und hat drei Kinder. 1949 trat er als Lehrling in die väterliche Schraubengroßhandlung in Künzelsau ein. 1954 übernahm er nach dem Tod des Vaters die Leitung des damaligen Zwei-Mann-Betriebs.

Quelle Heilbronner Stimme vom 30. September 2009 von Ralf Uwe Heer www.stimme.de

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