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Erste europäische Jeans kam aus Hohenlohe
     
 
 

18.5.10

 

Mustang-Gründer Albert Sefranek ist 90 Jahre geworden. In Künzelsau schneiderte er die erste europäische Jeans.

Die lebende Legende hat Humor. Mustang-Gründer Albert Sefranek lacht gerne. Mehrmals pro Woche besucht er sein Büro in der Künzelsauer Zentrale, wo längst sein erster Sohn Heiner als Mehrheitsgesellschafter die Zügel in der Hand hält.

Der 90-Jährige genießt seinen Ruhestand. "Das Rentenalter ist herrlich", sagt er und lacht, "ich muss keine Rücksicht mehr nehmen und trage keine Verantwortung mehr". Es scheint, als hätte Mr. Jeans erst als Senior die Freiheit erfahren, die das von ihm erdachte Markenzeichen, das Wildpferd, verkörpert.

Das war nicht immer so. Albert Sefranek wollte eigentlich Vermessungsingenieur werden. Als kleiner Bub im Nürnberg der 30er Jahre gefiel ihm der Beruf seines Vaters. Der junge Albert ging zur Wehrmacht, um den Wehrdienst vor dem Studium hinter sich zu bekommen. 1938, ein Jahr vor Kriegsbeginn. "An Krieg hat keiner gedacht", sagt er, "erst als wir die Grenze überschritten, wurde uns das klar". Er macht die Feldzüge in Polen, Frankreich und Russland mit und muss − 65 Jahre später − nicht lange überlegen, um sich an den schönsten Moment seines Lebens zu erinnern: "Der Anblick von Künzelsau, als ich nach all den Jahren heil aus dem Krieg zurückkehrte."

In Künzelsau lebt seine Verlobte Erika Hermann. Am 21. Juli 1945 heiratet das Paar. Sefranek arbeitet im Betrieb seiner Schwiegermutter Luise Hermann. Den Plan, Ingenieur zu werden, gibt er auf. "Wir brauchen keinen Studierten, sondern einen, der schafft", soll die resolute Chefin gesagt haben. Sefranek schafft und beschafft, was das Unternehmen zur Herstellung von Bekleidung braucht: Stoffe, Garne, Knöpfe, Nähmaschinennadeln.

Ami Hosen

In Frankfurt fädelt er im September 1948 jenen Handel ein, mit dem er zur Legende wird. Einem US-Soldaten gibt er sechs Flaschen Schnaps "aus der Brennerei von meiner Tante in Kirchensall" und bekommt dafür "original Ami-Hosen". Sie werden zur Schnittvorlage der ersten europäischen Jeans. Die Schwiegermutter ist nicht begeistert. "Karussellfahrerhosen" nennt sie die figurbetonten Beinkleider. Die werden zunächst aus strapazierfähigem deutschem Stoff genäht, bis Sefranek ohne Wissen seiner Schwiegermutter original Denim-Stoff in Amerika ordert. "Ich wollte zuerst 1000 Yards", sagt er, "aber die Amis wollten nicht weniger als einen Container verschiffen". Sefranek bestellt − 40.000 Yards (36.000 Meter). 100.000 Mark bezahlt er. "Hätte die Schwiegermutter davon erfahren, hätte sie einen Herzanfall bekommen."

Sefranek selbst war kein Jeans-Fan. "Ich musste aber etwas haben, das andere nicht hatten, damit ich meinen Musterkoffer öffnen durfte." Die Suche nach Kunden war schwierig. "Vor dem Krieg hatten wir nur wenig Kunden und die Wehrmacht mit Drillichanzügen beliefert. Nach dem Krieg blieben die Kunden bei ihren alten Lieferanten." Es dauert lange, bis sich die neue Hose durchsetzt. Nicht nur, weil sie in den biederen 50er Jahren als ordinär gilt, sondern auch "weil sie den Makel der Siegerhose trug". Die neue blaue Hose sei ihm anfangs "ganz und gar nicht aus den Händen gerissen worden", sagt Sefranek. Ihr Potenzial erkennt er dennoch.

Boom

1958 findet Sefranek den passenden Namen: Mustang. Mitte der 60er Jahre bestellt Kaufhof die ersten Jeans. "Das war der Durchbruch im Bekleidungshandel." Nur Sefranek war immer noch kein Jeans-Fan. "Träger der Hose galten als links. Das war nichts für mich." Das ändert sich, als die Jeans gesellschaftsfähig wird. Als Curd Jürgens, Liz Taylor und US-Präsident Jimmy Carter Jeans tragen, wechselt auch Albert Sefranek seine Beinkleider. Mit dem Jeansboom werden die Fabrikanlagen erweitert. 1970 wirbt Sefranek als einer der ersten in der Jugendzeitschrift "Bravo". Die Marke Mustang wird ausgebaut − auch international. Auch ehrenamtlich hat Mr. Jeans viel bewegt, regional im Sport und in der Kultur, oder als Handelsrichter in Heilbronn. Überregional prägte er die Messe "Interjeans" und war Mitglied des Beirats der Deutschen Bank sowie im Präsidium des Bundesverbandes der Deutschen Bekleidungsindustrie.

Für den Mustang-Gründer ist die blaue Hose "ein unglaubliches Phänomen": vielseitig und belastbar. "Die verträgt auch einen Fleck". Sie passen eben doch gut zusammen, die Jeans und Mr. Jeans, der sich nicht so leicht unterkriegen lässt.

Stationen eines Lebens

  • 18. Mai 1920 Albert Sefranek wird in Ammerndorf bei Nürnberg als Sohn des Vermessungsingenieurs Ferdinand Sefranek und seiner Frau Elisabeth geboren.
  • 1939 Vor dem Ende seines Militärdiensts beginnt der Zweite Weltkrieg.
  • 1945 Sefranek schlägt sich nach Künzelsau durch.
  • Anfang 1949 Erster Auftrag über 300 Jeans. Die ersten Jeans außerhalb der USA werden produziert.
  • 1958 Die Marke Mustang wird in das Schutzregister eingetragen.
  • 70er Jahre Fabrikanlagen werden ausgebaut und zwei Produktionsbetriebe in Oberkessach und Seckach übernommen.
  • 1973 Die L. Hermann KG firmiert um in Mustang Bekleidungswerke GmbH + Co.
  • 1979 Das neue Vertriebszentrum in Künzelsau-Gaisbach wird bezogen.
  • 3. Mai 1986 Lothar Späth überreicht die Verdienstmedaille des Landes Baden-Württemberg an Albert Sefranek.
  • Mai 1995 Albert Sefranek feiert seinen 75. Geburtstag sowie sein 50-jähriges Arbeitsjubiläum und erklärt seinen Rücktritt aus der Geschäftsführung.
  • Januar 2000 Seine Frau Erika stirbt.
  • Seit 2001 Albert Sefranek genießt seinen Ruhestand bei kulturellen Veranstaltungen, Konzerten, in Museen und bei vielen privaten Einladungen. 

Quelle: Heilbronner Stimme vom 18. Mai 2010, Quelle Bild: Mustang

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