Invent heißt das königsblaue Entwicklungszentrum von Ziehl-Abegg in Künzelsau, das seit zwei Jahren zugleich das Gesicht des Hauptstandorts bildet.
Die Ziehl-Abegg AG feiert am Stammsitz in Künzelsau ihren 100. Geburtstag. Was waren die Erfolgsfaktoren? Und was bringt die Zukunft? Manfred Stockburger von der Heilbronner Stimme hat bei Vorstandschef Peter Fenkl nachgefragt.
Jetzt wird es endlich Sommer. Einem Ventilatorenhersteller müsste da ja richtig warm ums Herz werden?
Peter Fenkl: Auf den Sommer haben wir wirklich lange genug gewartet. Für uns zählt aber nicht nur der Sommer in Deutschland, sondern das globale Geschäft. Als es im Frühjahr hier noch etwas kälter war, gab es in anderen Regionen der Welt sehr heiße Sommer. Im Übrigen ist das Ventilatorengeschäft nicht saisonal. Die Projekte unserer Kunden haben einen längeren Vorlauf.
Der Propeller auf dem Schreibtisch ist nicht ihr Metier. Was sind die wichtigsten Märkte für Ziehl-Abegg?
Fenkl: Nach wie vor ist die Klima- und Kältetechnik für Ziehl-Abegg der größte Bereich. Wir sind aber auch auf neue Technologien aufgesprungen, etwa in der Umwelttechnologie. Außerdem beliefern wir die Landwirtschaft und den Automotive-Bereich und machen Motoren für Aufzüge und die Medizintechnik.
Zentrale Zutat zum Erfolg war und ist der Außenläufer-Motor, den Firmengründer Emil Ziehl schon 13 Jahre vor der Firmengründung gezeichnet hat. Was ist das eigentlich?
Fenkl: Das Prinzip eines Außenläufers ist, dass man den klassischen Elektromotor von innen nach außen kehrt: Es dreht sich nicht die kleine Welle in der Mitte, sondern der Mantel des Motors. Für bestimmte technische Rahmenbedingungen ist dieses Prinzip sehr gut geeignet.
Zum Beispiel für einen Ventilator?
Fenkl: Genau. Es gibt auch einige andere Anwendungsbereiche, aber für einen Ventilator ist der Außenläufer eine sehr gelungene Sache.
Erst seit den 1950er Jahren prägt dieser Motorentyp das Produktprogramm von Ziehl-Abegg. Warum nicht schon vorher?
Fenkl: Man hat in den ersten Jahrzehnten sehr viel zu tun gehabt und war sehr erfolgreich als Anbieter von Antriebstechnik. Wir waren in der Industrie sehr stark vertreten, im Schiffbau, auch in der Luftfahrt. Der Bedarf an Ventilatoren war vor dem Zweiten Weltkrieg noch nicht so hoch, der ist erst später massiv gestiegen. Vielleicht lag das am Komfortbewusstsein. Erst in den 1960er Jahren ist die Nachfrage gekommen.
Wie ist es dazu gekommen, dass die Firma heute in Künzelsau sitzt?
Fenkl: Der ursprüngliche Betrieb war leider auf der Ostseite von Berlin und wurde von der Besatzungsmacht annektiert. Die Eigentümerfamilie Ziehl ist danach geflüchtet und hat versucht eine neue Heimat zu finden. Die Firma R. Stahl, die schon vorher Aufzugsmotoren abgenommen hatte, hat dann die Familie angesprochen, ob man nicht wieder eine Geschäftsbeziehung aufbauen könnte. Eng aneinandergekoppelt ist man dann hier losgestartet. Bis heute sind Aufzugsmotoren ein wichtiges Standbein für Ziehl-Abegg. Auch in der Antriebstechnik haben wir viele spannende Produkte. Wir sind sehr breit aufgestellt.
Ziehl-Abegg ist die Mutter fast aller Ventilatorenhersteller in Hohenlohe. Wie ist denn Ihr Verhältnis zu den Wettbewerbern?
Fenkl: In der Sache sicherlich sehr hart: Wir bearbeiten den Markt alle wettbewerbsintensiv. Ansonsten haben wir ein neutrales bis freundschaftliches Verhältnis. Wir sprechen miteinander, man trifft sich auf der ganzen Welt auf Messen, manchmal auch bei Kunden. Im operativen Geschäft kämpfen wir alle hart um den Erfolg für unsere Gesellschafter und für unsere Mitarbeiter.
Was zeichnet Ziehl-Abegg in diesem Umfeld aus?
Fenkl: Wir folgen dem von unserem Gründer Emil Ziehl eingeschlagenen Pfad sehr stark. Er war ein genialer Erfinder, der wegweisende Entwicklungen gemacht hat. Diese Dynamik haben wir aufgenommen und setzen seit Jahren in unseren Märkten neue Trends. So haben wir die ersten Sichelventilatoren gemacht, die eine deutliche Effizienzsteigerung gebracht haben. Wir haben die ersten EC-Motoren gebaut. Das einzige, was wir nicht tun, ist, dies in allen Medien lauthals zu proklamieren. Wir sind ein klassischer Hidden Champion geblieben.
Was waren die wichtigsten Punkte in 100 Jahren Firmengeschichte?
Fenkl: Wesentlich war sicherlich die Entwicklung nach dem Krieg. Dann, dass wir schon in den 1970er Jahren international geworden sind mit eigenen Niederlassungen. Wir haben Unternehmen mitgenommen wie zum Beispiel die EBM, die das Thema mit großer Dynamik sicherlich noch ausgeweitet hat. Ohne die frühe Internationalisierung weiß ich nicht, wo das Unternehmen heute stehen würde. Gleichzeitig haben wir unsere Prägung durch die Menschen in der Region bewahrt, die bodenständig und bescheiden sind und zugleich der Sache verbunden. Mehr noch als die Technologien sind es die Menschen, die das Unternehmen ausmachen.
Und was kommt in den nächsten 100 Monaten?
Fenkl: Wir prognostizieren uns ein gesundes Wachstum in den nächsten Jahren. Wir sehen sehr positive Trends in Europa, den USA und in Asien. Den Export werden wir also weiter forcieren. Hohenlohe wird aber Stammsitz und Wurzel bleiben.
Trotz Globalisierung produzieren Sie aus Überzeugung sehr viel in Hohenlohe. Wird das möglich bleiben?
Fenkl: Wir sind schon heute global in der Fertigung. Aber wir werden auch künftig eine hohe Fertigungstiefe in der Region behalten. Dazu erhöhen wir die Kompetenz der Mitarbeiter, damit wir unsere komplexen Produkte weiterhin hier behalten können, während wir einfachere Teile in alle Welt verlagern.
Sie haben in den vergangenen Jahren in Hohenlohe trotz Krise viel Geld investiert − nicht zuletzt in ihr Entwicklungszentrum Invent. Rechnet sich das?
Fenkl: Nicht, wenn man schnell Kasse machen möchte. Wir haben mit Uwe Ziehl aber einen Eigentümer mit großem Weitblick und sind bekannt dafür, dass wir uns nicht scheuen, in schwierigen Zeiten gegen den Trend zu investieren. Das haben wir getan.
Die CO2-Debatte wirkt sich zunehmend auch auf Ihre Branche aus. Ist das eher Chance oder Risiko?
Fenkl: Heute wird in Brüssel eine neue EU-Richtlinie verabschiedet, die deutlich härtere Rahmenbedingungen definiert. Das spielt uns sehr in die Hände, weil wir effiziente High-End-Produkte haben.
Quelle Heilbronner Stimme vom 11. Juni 2010 von Manfred Stockburger www.stimme.de
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