Keine Prunkbauten, sondern zweckmäßige Bürohäuser: Neben der Lidl-Zentrale im Neckarsulmer Trendpark entsteht ein Neubau.
Großbaustellen wird es bei der Schwarz-Gruppe in Neckarsulm in den nächsten Jahren nicht mehr so viele geben. "Wir haben jetzt das an Fläche, was wir für die Expansion brauchen, die wir uns vorgenommen haben", sagt Unternehmenschef Klaus Gehrig. "Die Zeiten, in denen wir neue Länder einfach so überraschen konnten, sind vorbei. Es gibt einfach keine geeigneten Länder mehr in Europa." Und der lange Marsch nach China, Russland oder Amerika spielt derzeit keine Rolle in der Neckarsulmer Unternehmenszentrale. Auch den türkischen Markt hält Gehrig für nicht attraktiv.
Und doch werden in Neckarsulm weiterhin Baukräne stehen: Nächstes Jahr soll im Trendpark ein neues Verwaltungsgebäude für die Schwarz-Gruppe errichtet werden, verkündet der Chef des nach einer Studie der Unternehmensberatung Deloitte mittlerweile fünftgrößten Einzelhandelsunternehmens der Welt im exklusiven Gespräch mit der Heilbronner Stimme. Bisher sitzt die Verwaltung der Unternehmensgruppe in der Stiftsbergstraße im Gebäude der Lidl Stiftung, die das Auslandsgeschäft des Discounters betreibt. Für sie sollen eigene vier Wände geschaffen werden.
Neubau für Holding
Schon vor einigen Jahren hatte es solche Pläne gegeben. "Die hatte ich gestoppt", erklärt Gehrig aufgeräumt. "Das wäre zu groß geworden − da war sogar ein Hotel geplant." Einige Nummern kleiner soll der Bau jetzt realisiert werden. Aber zuerst muss das Parkhaus mit den Büroräumen fertig werden, das an der Stiftsbergstraße derzeit errichtet wird. Erst wenn dieses betriebsbereit ist, wird der Behelfsparkplatz frei, auf dem das Verwaltungsgebäude der Schwarz-Gruppe geplant ist. Das Tagesgeschäft wird aber weiterhin von Lidl und Kaufland geführt, die eigene Firmenzentralen haben.
Die geografische und damit einhergehend die bauliche Expansion mag ihrem Ende entgegengehen, nicht aber das Wachstum. Derzeit gibt es in ganz Europa mehr als 9000 Lidl-Filialen, die Zahl der Kaufland-Märkte wird noch in diesem Jahr 1000 überschreiten. Kaufland soll derweil als Marke besser aufgestellt werden, bis Ende nächsten Jahres werden deswegen alle Handelshof-Standorte auf die Marke Kaufland umgestellt. In beiden Sparten hält Gehrig es für möglich, dass in den 26 Ländern, in denen das Unternehmen aktiv ist, die Zahl der Filialen um etwa die Hälfte gesteigert werden kann. Auch beim Umsatz, der im laufenden Geschäftsjahr von 54,8 auf 57 Milliarden Euro steigen soll, gibt es also weiteres Steigerungspotenzial.
Fallende Preise
Das für Schwarz-Verhältnisse magere Umsatzwachstum im vergangenen Jahr begründet Gehrig mit der "Deflation": Bei Kaufland seien die Preise im vergangenen Geschäftsjahr im Schnitt um 2,5 Prozent gesunken, bei Lidl sogar um vier Prozent. Über den Daumen aufsummiert ergibt das etwa zwei Milliarden Euro Umsatz, die verloren gegangen sind. Auf den Rohertrag habe das aber "keine großen Auswirkungen" gehabt. Zahlen nennt Klaus Gehrig keine, das Ergebnis sei aber nach wie vor "ausreichend gut".
Auch was die Refinanzierung angeht, habe die Gruppe keine Schwierigkeiten. "Die Banken sind unsere Vermieter. Und über Immobilienfinanzierungen hinaus brauchen wir kein Geld", sagt Gehrig. Die Finanzgeschäfte seien zwar zentral gesteuert, würden aber dezentral abgeschlossen. "Am liebsten arbeiten wir mit Genossenschaftsbanken zusammen", verrät der 62-Jährige.
Ein bisschen was tut sich aber doch in Sachen geografischer Expansion. Im Februar haben die Neckarsulmer von Tengelmann die Plus-Filialen in Rumänien übernommen − die Kartellbehörden müssen allerdings noch zustimmen. Die Episode, wie es zur Gründung einer Tochter in Malta kam, ist typisch: "Ich war da mal im Urlaub", erzählt Gehrig. Ganz nebenbei hat er die Marktchancen ausgelotet. Die logistischen Probleme seien auch mitten im Mittelmeer lösbar. "Da fährt das Schiff ohnehin vorbei." So wie auch auf Zypern, wo die ersten Lidl-Märkte vor der Eröffnung stehen.
Nachschub
Apropos Logistik. Die ist für Gehrig mit die größte Herausforderung. "Allein zur Belieferung der Lidl-Zentrallager sind in Europa jeden Tag etwa 5000 Lastwagen unterwegs", sagt er. Und die Ware muss rollen, anders als ein Kaufland-Markt sei eine Discounter-Filiale schnell ausverkauft, wenn der Nachschub ausbleibt. Je nachdem, wie die Frachtraten sich entwickeln, werden die Warenströme zwischen Lastwagen, Schiff und Eisenbahn umgeschichtet, sagt der Unternehmenschef. Dennoch blickt er mit Sorge auf die möglichen Auswirkungen der Schuldenkrise in den südlichen Ländern, weil er befürchtet, dass ein rigider Sparkurs der Staaten vermehrt zu Streiks führen könnte. "Die kosten uns richtig Geld", sagt er.
Quelle Heilbronner Stimme vom 24. Juni 2010 von Manfred Stockburger www.stimme.de
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