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Technologie von Kablitz verwandelt Abfall in Strom

     
 
 

7.6.2004

Abfällen werden zur umweltschonenden Energiegewinnung genutzt

 

Verbrennungsanlagen für umweltschonende Energiegewinnung aus Lauda im Taubertal in der Region Heilbronn-Franken verwandeln Abfall in Strom.

Die Industrienationen ersticken in Abfällen, Deponien quellen über und Rohstoffe werden immer knapper. Die Nutzung von Abfällen zur umweltschonenden Energiegewinnung klingt für den Laien wie die viel zitierte "Eierlegende-Wollmilch-Sau" und ist doch schon Realität: Das in Lauda ansässige Unternehmen Kablitz plant und baut Feststoffverbrennungsanlagen, die als Biomasse-Kraftwerksanlagen aus Abfällen wertvolle Energie gewinnen. Kablitz erstellt innovative Energiezentralen für die Verbrennung von Feststoffen in aller Welt. Die Anlagen des mittelständischen Unternehmens sind in Europa, Asien, Süd- und Nordamerika ebenso zu finden, wie in Australien und Neuseeland.

In einem Gespräch mit den Fränkischen Nachrichten erläutert Firmeninhaber Hans E. Mitthof die Entwicklung des Unternehmens und die Zukunftsperspektiven der Branche.

FN: Wann wurde Kablitz gegründet und wo liegen die Ursprünge des Unternehmens?

Mitthof: Die Gründung folgte 1901 in Riga, Lettland, durch Richard Kablitz.

FN: Welche Initialzündung führte zur Unternehmensgründung?

Mitthof: Richard Kablitz erfand die berippten Heizflächen für Wärmetauscher in Heizanlagen. Was zunächst unspektakulär klingt, war eine kleine Revolution in der Wärmerückgewinnung und ermöglichte eine wesentlich effektivere Energienutzung bei industriellen Anlagen. 1915 bis 1920 entwickelte der rührige Erfinder Vorschubroste für Verbrennungsanlagen und 1921 folgte der weltweit erste gusseiserne Wärmetauscher. Bis zu Beginn des Zweiten Weltkriegs wurden diese Produkte insbesondere nach Russland und Skandinavien geliefert.

FN: Wann wurde der Unternehmensstandort nach Lauda verlegt?

Mitthof: Infolge der Kriegswirkungen musste Kablitz seinen Betrieb in Riga schließen und gründete nach seiner Flucht am Bahnknotenpunkt Lauda ein neues Unternehmen, das er bis 1979 führte.

FN: Wie hat sich das Unternehmen entwickelt?

Mitthof: Es gab in den kommenden Jahren "Hochs und Tiefs". Dabei wurden aber immer wieder neue, fortschrittliche Produkte entwickelt. Durch Management-Fehler kam das Unternehmen 1990 in finanzielle Bedrängnis. Ich war damals auf der Suche nach lnvestitionsmöglichkeiten mit langfristiger Perspektive und habe die Firma erworben, da ich gutes Entwicklungspotential erkannte. Zu diesem Zeitpunkt war das Unternehmen noch auf die Herstellung einzelner Komponenten von Energiezentralen spezialisiert, hat in allen Bereichen nur als Zulieferer fungiert. Durch die Wiedervereinigung drängten preisgünstige Ost-Unternehmen in den Markt und Kablitz war als Komponentenhersteller nicht mehr konkurrenzfähig.

FN: Wie haben Sie das Unternehmen auf Erfolgskurs gebracht?

Mitthof: Ich habe Kablitz komplett umstrukturiert. Vom Komponentenhersteller zum Generalunternehmen für komplette Energiezentralen. Diese Entwicklung ging sukzessive von der Herstellung von Anlagenteilbereichen bis heute, zur Konzeption, Planung und Erstellung von schlüsselfertigen Energiezentralen. Während wir 1996 noch bei einem Umsatz von 2,5 Millionen Euro lagen, werden es in diesem Jahr bereits über 12 Millionen Euro sein. 1996 war von 40 Beschäftigten die Hälfte in der unmittelbaren Produktion, als Schweißer, Gießer oder Monteur beschäftigt. Heute sind von 60 Beschäftigten 40 Ingenieure, Maschinenbautechniker oder andere hoch qualifizierte Mitarbeiter, wie kaufmännische Fachkräfte.

FN: Wo liegen die Produktionsschwerpunkte des Unternehmens?

Mitthof: Wir planen und bauen komplette Energiezentralen für die Holzindustrie und Spezialanwendungen, wie Biomasse-Heizkraftwerke, die in der emissionsreduzierten Abfallverbrennung, wie in "Sansenhecken" in Buchen auf dem dortigen Deponiegelände, eingesetzt werden und der Stromgewinnung dienen. An Einzelkomponenten produzieren wir Vor- und Überschubroste sowie Rippenplatten- und Gasrohr-Wärmetauscher. Dies ist das eigentliche Kerngeschäft des Energiezentralen-Baus, das besondere Kenntnisse erfordert. Viele Teilarbeiten vergeben wir an Betriebe der Region nach außen.

FN: Wo und wie werden die Produkte von Kablitz eingesetzt?

Mitthof: Als Dampfkessel- oder Thermalöl-Heizkraftwerke in der Holz- und Spanplattenindustrie genauso wie in der Papierindustrie. Es werden Holzabfälle, Kurzfaser- oder Spuckstoffe verbrannt und in Energie umgewandelt. Auf Industrie- und Deponiegeländen werden unsere Anlagen als spezielle Biomasse-Heizkraftwerke eingesetzt, wobei Abfälle emissionsreduziert verbrannt werden.

FN: Welche Größendimensionen haben die von Kablitz gebauten Anlagen?

Mitthof: Das hängt von der Art der einzelnen Anlage ab. Im Wesentlichen sind unsere Anlagen in Größenordnungen von über 40 Mega-Watt für themische Leistung dimensioniert. Die Mindestgröße ist ein Mega-Watt elektrischer Leistung. Ein Beispiel: die Anlage in Buchen, in der Abfallholz verfeuert wird, bringt sieben Mega-Watt Elektrik. Damit könnte man ganz Buchen mit Strom versorgen. Für den Bau einer Anlage werden dabei durchschnittlich zwischen 200 und 250 Tonnen Stahl verbaut. Komplettanlagen können dabei bis zu 30 Meter Höhe erreichen.

FN: Welche Anforderungen stellt das Unternehmen an die Qualifizierung seiner Mitarbeiter?

Mitthof: Wir suchen ständig qualifizierte Ingenieure, Verfahrenstechniker, Spezialisten für Umwelttechnik sowie technische Zeichner für den Anlagenbau, aber auch gute Stahlschlosser. Entgegen der Meinung, dass zu wenig Lehrstellen angeboten werden, bekommen wir nur schwer Auszubildende. In allen Bereichen ist sorgfältige Einarbeitung notwendig, denn unsere Projektleiter vor Ort tragen hohe Verantwortung, da es um sehr große Summen geht und die Anlagen perfekt funktionieren müssen. Junge Ingenieure und Techniker finden bei uns, wenn sie ehrgeizig sind, eine zukunftssichere Anstellung.

FN: Welche Marktstellung hat das Unternehmen innerhalb seiner Branche?

Mitthof: Kablitz hat weltweit einen sehr guten Namen und gehört in Europa, in seiner Produktionssparte, zu den Top-Anlagenbauern. Wir haben eine sehr gute Marktstellung. Die von uns gebauten Anlagen sind die beste Referenz neue Kunden zu gewinnen.

FN: Welche markanten Stärken zeichnen das Unternehmen aus?

Mitthof: Zu unserer Unternehmensphilosophie gehört es, Kunden nie im Stich zu lassen. Wenn beim Betrieb einer Anlage Probleme auftreten, sind unsere Spezialisten innerhalb kürzester Zeit vor Ort - egal wo in der Welt - und beheben sie. Diese größtmögliche Flexibilität zeichnet uns aus. Wir verbinden Erfahrung und Innovation mit dem hohen Qualitätsstandard nach DIN ISO 9001. Dies gewährleistet ein überlegenes technisches und wirtschaftliches Konzept zur Energiegewinnung. Durch ständige Anpassung unserer Konstruktionen haben wir einen Know-how-Vorsprung gegenüber unseren Mitbewerbern. Kablitz ist die perfekte Symbiose von Entwicklung und Fertigung.

FN: Welchen Stellenwert haben Neuentwicklungen in Ihrem Unternehmen?

Mitthof: Wir legen größten Wert auf die kontinuierliche Weiterentwicklung und Verbesserung unserer Produkte. Dabei werden die Erfahrungen der vergangenen Jahrzehnte ständig mit den neuesten Erkenntnissen der Forschung abgeglichen. Wir machen keine Revolution, sondern Evolution. Es geht nicht so sehr um sprunghafte Neuerungen, sondern dauerhafte Produktentwicklung, die zuverlässig funktioniert. Wir sind innovativ, indem wir laufend Daten sammeln und unsere Produkte fortwährend optimieren. Durch diese Verfahrensweise haben wir wichtige Patente entwickelt.

FN: Welche Bedeutung haben Umweltaspekte beim Bau neuer Anlagen?

Mitthof: Wir erstellen nur Anlagen, in denen klar definierte Abfälle verbrannt werden, bei denen keine wesentlichen Schadstoffe an die Luft abgegeben werden. Dies sind Verbrennungsanlagen für Holzabfälle, wie Alt- und Restholz, Holzgranulat und Staubabfälle sowie Abfälle der Papierindustrie, sortierter Müll oder landwirtschaftliche Abfälle. Unsere Anlagen sind nicht mit herkömmlichen Müllverbrennungsanlagen, bei denen Dioxine entstehen, zu vergleichen.

FN: Welche Produktionsschwerpunkte werden die Unternehmensentwicklung der nächsten Jahre prägen?

Mitthof: Wichtige Zukunftsmärkte für uns sind in Kanada, dem Nordwesten der USA sowie in Russland. In diesen Ländern fallen sehr viele Holzabfälle an, die mit unseren Anlagen kostengünstig in wertvolle Energie umgewandelt werden können. Wir sind aber auch nach wie vor in allen anderen Erdteilen tätig. Überall, wo Biomasse und nachwachsende Rohstoffe anfallen, deren Verbrennung zur Energiegewinnung interessant ist, sind wir am Ball.

FN: Wie beurteilen Sie die Zukunftsperspektiven Ihrer Branche und Ihres Unternehmens?

Mitthof: Die EU hat eine Verordnung erlassen, dass bis 2010 die Energiegewinnung aus erneuerbaren Ressourcen sich verdoppeln sollte. Entgegen anderen alternativen Energiegewinnungsanlagen bieten Biomassekraftwerke Konstanz und Planungssicherheit. Der Anbau von schnell nachwachsenden Rohstoffen wird auch für die Landwirtschaft völlig neue Vermarktungsmöglichkeiten eröffnen. Hier besteht ein großer Zukunftsmarkt. Der Energiegewinnung durch Biomasse gehört die Zukunft und deshalb sehe ich für Kablitz sehr gute Perspektiven.

FN: Vielen Dank für dieses Gespräch. Martin Herrmann

Quelle: © Fränkische Nachrichten - 17.01.2004

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