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16.11.2004
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Einst „Verwaltungslehrling“ in Schmidhausen, Bürgermeister
in Bietigheim-Bissingen, Landtagsabgeordneter, Ministerpräsident
und Chef von Zeiss-Jena – seine Jugend hat Dr. Lothar Späth
aber in Ilsfeld in der Region Heilbronn-Franken verbracht.
Lothar Späth, geboren 1937, war zwölf Jahre lang Ministerpräsident
in Baden-Württemberg und profilierte sich als Vordenker in
der Technologie-, Kultur- und Medienpolitik, was ihm den Spitznamen "Cleverle" einbrachte.
Zeitweise galt er gar als "Reservekanzler". In dieser
Funktion war Lothar Späth 1985 Präsident des Deutschen
Bundesrates und von 1987 bis 1990 Bevollmächtigter der Bundesrepublik
Deutschland für kulturelle Angelegenheiten im Rahmen des Vertrages über
die deutsch-französische Zusammenarbeit.
Weil man ihm Verquickung
von Dienst- und Urlaubsreisen vorwarf, trat er im Januar 1991 als
Ministerpräsident zurück und gab bald danach alle politischen Ämter
ab. Im Juni 1991 übernahm er die Geschäftsführung
der Jenoptik Carl Zeiss GmbH. Aus dem konkursreifen Exkombinat
formte er einen modernen Technologiekonzern.
Unter der Führung von Lothar Späth entwickelte sich
aus dem ehemaligen VEB Carl Zeiss Jena ein Technologie-Konzern,
der in über 20 Ländern präsent ist und fast 7.000
Mitarbeiter beschäftigt. So blickt der zweifache Familienvater
und Bestseller-Autor auch nicht ohne Stolz auf das bisher Erreichte
zurück. Dabei denkt er nicht nur an sein Unternehmen, sondern
an die ganze Region Jena. In der Idee, ein Technologie-Konzept
umzusetzen, in dem die Jenoptik zwar eine wichtige, aber nicht
die einzige Rolle spielt, sieht er sich bestätigt. Jena habe
sich zu einer richtigen Technologie-Region entwickelt.
Von 1998 bis 2001 moderierte Lothar Späth die wöchentliche
Talkshow „Späth am Abend“ auf n-tv. Seit Januar
2002 wird der wöchentliche politische Kommentar von Lothar
Späth in der Sendung „Späth zur Woche“ auf
n-tv ausgestrahlt. Seit Juni 2000 ist Lothar Späth Preisträger
des John J. McCloy-Preises des American Council on Germany.
Aber nun zurück in seine Jugend. Als er die Aufnahmeprüfung
an die Oberschule in Beilstein bestanden hatte, setzte er sich
auf die Staffeln des alten Schulgebäudes und machte sich über
eine Büchse, randvoll mit in Milch und Zucker eingelegtem
Zwieback, her, die ihm seine Mutter mitgegeben hatte. Das war eine
köstliche Abwechslung zu dem ewigen Sirup, den sie ihnen sonst
im Waschkessel aus Zuckerrüben kochte und aufs Brot schmierte,
weil es 1946 kaum anderes gab, und es war Lohn für sein erstes
Erfolgserlebnis. Durch Ehrgeiz fiel Lothar Späth jedoch im
Unterricht nie auf - weder in Beilstein noch vier Jahre später
auf dem Gymnasium in Heilbronn.
Schon mit sechs ging Lothar in die Kinderkirche, kam zur Jungschar
und wurde Gruppenleiter. Mit 14, 15 war das Pfarrhaus in Ilsfeld
seine zweite Heimat. Mit seinen Freunden spielte er Tischtennis,
die Pfarrfrau kochte für die Kinder, und die redeten mit dem
Pfarrer über ihre Zukunftspläne. Besonderen Spaß hatte
der kleine Lothar mit seinen Kumpels in den Jugendzeltlagern. Doch
eines Tages trat einer beim Kartoffelschälen ins Messer und
blutete wie ein Schwein. "Was machen wir jetzt?", fragten
alle. Lothar Späth begriff, dass es als Jungscharleiter nicht
reichte, mit dem Wimpel am Fahrrad stolz vor den anderen her ins
Zeltlager zu fahren, er sah auch, dass er Verantwortung hatte -
also brachte er den Verletzten ins Krankenhaus und informierte
seine Eltern.
Zu seinem Vater, er war Lagerverwalter der Raiffeisengenossenschaft
am Ort, war er völlig auf Oppositionskurs. Er wollte ihn für
sein Hobby begeistern und schenkte ihm eine Briefmarkensammlung.
Er mochte aber Kosmos-Experimentierkästen, bastelte am liebsten
an Radios herum und freundete sich mit einem ehemaligen Militärfunker
an, der ihm Funken und Morsen beibrachte. Seine Mitschüler überredete
er, Briefmarken zu sammeln, verkaufte ihnen seine Marken und besorgte
sich davon Radioröhren; sogar eine VCL 11 aus dem Volksempfänger
war darunter - sie kostete ihn die halbe Sammlung. Als sein Vater
dahinter kam, setzte es Ohrfeigen.
Besonders ärgerte den Vater sein Verhalten in der Schule.
Er konnte die Lehrer zwar leiden, hatte aber viel Blödsinn
im Kopf, vereitelte mal ein Chemieexperiment, mal tauschte er eine
Klassikaufnahme für den Musikunterricht gegen eine Jazzplatte
aus. Er war Rekordmeister bei Klasseneinträgen, und im Zeugnis
der neunten Klasse stand: "Dieses Verhalten kann nicht als
noch befriedigend bezeichnet werden."
Kurz vor der Prüfung zur mittleren Reife fiel die Entscheidung.
Solange er Schulgeld zahle, hätte Lothar zu tun, was er bestimme,
verlangte der Vater. Tags drauf marschierte Lothar zum Arbeitsamt,
erfuhr, dass nur in der Verwaltung die Aufnahmeprüfungen für
Lehrlinge noch nicht vorbei waren, bewarb sich und verließ die
Schule mit mittlerer Reife, obwohl er gern Abitur gemacht hätte.
Aber nicht zum Preis, sich Vaters Ordnungsprinzipien zu unterwerfen.
Sein erster Lehrherr, der Bürgermeister in Schmidhausen, war
ein Freund seines Vaters und angewiesen, ihn hart anzufassen. Aber
er verwaltete zwei Gemeinden, und wenn er weg war, war er der Stift,
der Herr im Haus. Für die Bürger war Lothar Späth
der Fachmann für alles - ob eine Ratte am Hochwasserbehälter
auftauchte oder eine Leiche auf der Gemeindemarkung, die er in
der Bibliothek kurz zwischenlagerte. Weil die Leute ihn wie einen
Erwachsenen behandelten, wurde er nun wirklich erwachsen.
Während der Ausbildung kam er auch zur Stadtverwaltung nach
Giengen an der Brenz. Seinem Chef dort gefiel, wie er mit Menschen
umging, er übertrug ihm rasch Verantwortung, und er hatte
sein erstes Dienstfahrzeug, einen Motorroller. All dies weckte
seinen Ehrgeiz endgültig. Er wollte nun Jura studieren und
meldete sich 1958, nach dem Ausbildungsabschluss, an der Staatlichen
Verwaltungsschule in Stuttgart an, um das Abitur nachzuholen. Morgens
ging Lothar Späth zum Unterricht, nachmittags war er Chef
der Schulverwaltung, abends nahm er Privatstunden in Mathematik
und Fremdsprachen. Mit 22 hatte Lothar Späth die Zulassung
zum Begabtenabitur, aber nicht das Mindestalter von 25. Um die
Zeit zu überbrücken, ging er zur Stadt Bietigheim, wo
er neben der Leitung des Liegenschaftsamtes Leiter einer Wohnungs-
und Städtebau GmbH wurde. Das Unternehmen expandierte rasch
und er verdiente mehr, als er als Jurist je hätte verdienen
können - da war ein Studium kein Thema mehr.
1967 bot ihm die CDU an, in einem sicheren SPD-Wahlkreis, in Ludwigsburg,
für den Landtag zu kandidieren. Bislang war Lothar Späth
parteilos, doch die Herausforderung lockte ihn. Mit Freunden brachte
er am Gründonnerstag 1968 sieben Oldtimer zum TÜV, nachts
holten er in Holland einen Lastwagen mit Osterglocken, am Ostersonntag
verteilten er sie von den Autos aus unter dem Motto "Lothar
Späth kommt nie zu spät" und gewann die Wahl.
Neugier, die Lust auf Opposition und Führung trieben ihn -
angestoßen durch die Jungscharzeit - ständig an. Lothar
Späth war jüngster Abgeordneter, Fraktionsvorsitzender,
Ministerpräsident. „Fragt man heute nach dem Ältesten
am Tisch, und ich muss mich melden, fällt mir das immer noch
schwer,“ sagt Lothar Späth.
Im September 1992 wurde Lothar Späth zum Königlich Norwegischen
Generalkonsul für Thüringen und Sachsen-Anhalt ernannt.
Im April 1996 hat Lothar Späth das Amt des Präsidenten
der Industrie- und Handelskammer Ostthüringen zu Gera übernommen.
Seit 1985 hat Lothar Späth eine Reihe von Bestsellern geschrieben,
so z. B. "Countdown für Deutschland" (1995), „Die
zweite Wende“ (1998), „Jenseits von Brüssel“ (2001),
jeweils veröffentlicht mit Herbert A. Henzler, und „Die
Stunde der Politik“ (1999).
Die wirtschaftswissenschaftlichen Fakultäten der Universitäten
Karlsruhe und Pecs haben Lothar Späth die Ehrendoktorwürde
verliehen. Von der Universität Ulm hat er die Ehrensenatorwürde
erhalten. Die Friedrich-Schiller-Universität Jena hat ihm
sowohl die Ehrensenatorwürde als auch eine Honorarprofessur
für das Fachgebiet Medien und Zeitdiagnostik verliehen.
Im März vergangenen Jahres wurde er zudem Vizepräsident
Europa der US-Investment-Bank Merrill Lynch. Der umtriebige Netzwerker
erhielt im Laufe seiner Karriere zahlreiche Ehrungen und Auszeichnungen
(u. a. Ehrendoktorwürde in Karlsruhe und Pecs) und wird im
Oktober zum zweiten Bad Honnefer Aalkönig gekrönt.
Lothar Späth ist verheiratet und hat einen Sohn und eine
Tochter.
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