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Auch Gerhard Schröder hat die ledergebundene blaue Kassette:
den schweren Prachtbildband über den Kreml. Kein Buch, ein
Kunstwerk. Auf dem Buchdeckel – ebenfalls in mit Watte unterlegtem
Leder – sind silberne und strahlend blaue Ornamente eingestempelt.
Die Buchschnitte spiegeln – ein seltener Silberschnitt reflektiert
hochglänzend.
Man mag das Werk beinahe nicht ohne Handschuhe aufschlagen. Beim
Durchblättern des Buches kommen auch Leute auf ihre Kosten,
die keine kyrillischen Schriftzeichen lesen können, schließlich
geben brillante Farbfotos ("das sind metallische Farben im
Achtfarbendruck") Einblicke in die Schatzkammer der russischen
Kultur. Quasi aus der Schatzkammer der russischen Regierung stammt
das Buch über den Kreml, das Helmut Sigloch, Inhaber der gleichnamigen
Sigloch-Gruppe in Blaufelden, vorstellt: Diese Bildbände überreichen
die russischen Staatspräsidenten ihren Gästen.
Das ist an sich schon genug Herausforderung, das Beste zu geben.
Hinzu kommt die große Liebe der russischen Bevölkerung
zu Büchern. Das fordere noch mehr heraus, berichtet Sigloch.
Deshalb war die hauseigene Entwicklungswerkstatt in Blaufelden
gefragt. Hier arbeiten erfahrene Buchbinder nach allen Regeln der
Kunst und sind dabei, die Handwerkskunst mit moderner Technik zu
koppeln. Bei den Prachtbänden war allerdings zuallererst die
traditionelle Handwerkskunst gefragt: Die Prägearbeiten wurden
mit einer Maschine aus dem Jahr 1953 ausgeführt; damit der
schöne Silberglanz erhalten bleibt, wurde der Buchblock erst
gerundet und dann der Silberschnitt aufgebracht.
1999 produzierte Helmut Sigloch den ersten Bildband über
den Kreml im Auftrag des russischen Staatspräsidenten Boris
Jelzin – eng abgestimmt mit den Buchkünstlern in Moskau,
die das Konzept erarbeitet hatten. Als Jelzin von Putin abgelöst
wurde, ersetzten die Buchbindemeister in der Werkstatt Siglochs
noch schnell die Portraits des Staatspräsidenten – damit
die Staatsgeschenke weiterhin überreicht werden konnten. Doch
als letztes Jahr die 300-Jahr-Feier von St. Petersburg ("Putin
ist St. Petersburger) anstand, war klar, dass es etwas Neues geben
würde. Und wie neue Herrscher so sind: "St. Petersburg
musste noch besser werden als der ’Kreml’".
Dass Helmut Sigloch den Auftrag für die Produktion dieser
Bücher bekam, hat eine Vorgeschichte. Seit mehr als 25 Jahren
unterhält Sigloch geschäftliche Kontakte zu den russischen
Staaten. Mit durchschlagendem Erfolg: "Es gibt in Russland
kein Buch, das nicht über unsere Maschinen läuft",
sagt Sigloch. Noch zu sowjetischen Zeiten hatte er mit der Prawda,
dem größten Verlag, dem über 60 Betriebe in allen
SU-Republiken gehörten, einen Beratervertrag. "Wenn’s
was kompliziertes gab, kamen sie zu Sigloch." – Sigloch,
ausgebildeter Banker, Buchbinder und Maschinenbauer, hat sie offenbar
zur Zufriedenheit beraten und mit seinem know-How und Produkten überzeugt.
Und ihr Vertrauen gewonnen.
Deutlich wird dies nicht nur an der Verleihung der Ehrenprofessur,
die er jüngst von der Technischen Universität in Kasachstan
bekam, deutlich wird diese Wertschätzung in den Anekdoten,
die Sigloch beiläufig einfließen lässt: Er berichtet
von den unterirdischen und geheimen Räumen unter dem Kreml
(" für Breschnew wurde eine Rolltreppe eingerichtet – der
war ja nicht gut zu Fuß); "Ach Ihretwegen mussten wir
warten", zitiert er eine Stewardess, als er nach einer Geschäftsbesprechung
verspätet zum Flughafen kam. Oder die Geschichte im Theater
im Kreml ("Der Saal ist größer als im Bolschoi"):
Als einziger Zuschauer saß er dort, vorne wurde Schwanensee
getanzt, im Orchestergraben gaben Musiker im Anzug ihr bestes.
Nach zehn Minuten ging er wieder. Nach einer weiteren halben Stunde
sah er die Musiker ihre Instrumente davon tragen: "Die haben
nur meinetwegen gespielt", erzählt Sigloch ebenso stolz
wie irritiert über die Aufwartung.
Nach so langjährigen Kontakten bleiben die Beziehungen nicht
nur auf das rein Geschäftliche beschränkt. So bringt
Sigloch seinen Geschäftsfreunden schon mal Presssack aus seiner
Hausschlachtung mit oder organisiert den neuen Vorhang (Brüsseler
Spitze) für das Bolschoi-Theater. Die Zusammenarbeit der Firma
Sigloch mit den Betrieben in den GUS-Staaten geht weiter, Sigloch
plant schon die nächsten Projekte. Neue Ideen gibt es auch
für die "russischen Staatsgeschenke". Das nächste
Großprojekt ist bereits geplant. Der dritte Prachtband wird
den Kathedralen in Moskau gewidmet sein. Ob den Gerhard Schröder
auch bekommt?
Quelle: Haller Tagblatt von Elisabeth Schweikert
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