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Putins Staatsgeschenke kommen aus Blaufelden

     
 
 

29.12.2004


 

Auch Gerhard Schröder hat die ledergebundene blaue Kassette: den schweren Prachtbildband über den Kreml. Kein Buch, ein Kunstwerk. Auf dem Buchdeckel – ebenfalls in mit Watte unterlegtem Leder – sind silberne und strahlend blaue Ornamente eingestempelt. Die Buchschnitte spiegeln – ein seltener Silberschnitt reflektiert hochglänzend.

Man mag das Werk beinahe nicht ohne Handschuhe aufschlagen. Beim Durchblättern des Buches kommen auch Leute auf ihre Kosten, die keine kyrillischen Schriftzeichen lesen können, schließlich geben brillante Farbfotos ("das sind metallische Farben im Achtfarbendruck") Einblicke in die Schatzkammer der russischen Kultur. Quasi aus der Schatzkammer der russischen Regierung stammt das Buch über den Kreml, das Helmut Sigloch, Inhaber der gleichnamigen Sigloch-Gruppe in Blaufelden, vorstellt: Diese Bildbände überreichen die russischen Staatspräsidenten ihren Gästen.

Das ist an sich schon genug Herausforderung, das Beste zu geben. Hinzu kommt die große Liebe der russischen Bevölkerung zu Büchern. Das fordere noch mehr heraus, berichtet Sigloch. Deshalb war die hauseigene Entwicklungswerkstatt in Blaufelden gefragt. Hier arbeiten erfahrene Buchbinder nach allen Regeln der Kunst und sind dabei, die Handwerkskunst mit moderner Technik zu koppeln. Bei den Prachtbänden war allerdings zuallererst die traditionelle Handwerkskunst gefragt: Die Prägearbeiten wurden mit einer Maschine aus dem Jahr 1953 ausgeführt; damit der schöne Silberglanz erhalten bleibt, wurde der Buchblock erst gerundet und dann der Silberschnitt aufgebracht.

1999 produzierte Helmut Sigloch den ersten Bildband über den Kreml im Auftrag des russischen Staatspräsidenten Boris Jelzin – eng abgestimmt mit den Buchkünstlern in Moskau, die das Konzept erarbeitet hatten. Als Jelzin von Putin abgelöst wurde, ersetzten die Buchbindemeister in der Werkstatt Siglochs noch schnell die Portraits des Staatspräsidenten – damit die Staatsgeschenke weiterhin überreicht werden konnten. Doch als letztes Jahr die 300-Jahr-Feier von St. Petersburg ("Putin ist St. Petersburger) anstand, war klar, dass es etwas Neues geben würde. Und wie neue Herrscher so sind: "St. Petersburg musste noch besser werden als der ’Kreml’".

Dass Helmut Sigloch den Auftrag für die Produktion dieser Bücher bekam, hat eine Vorgeschichte. Seit mehr als 25 Jahren unterhält Sigloch geschäftliche Kontakte zu den russischen Staaten. Mit durchschlagendem Erfolg: "Es gibt in Russland kein Buch, das nicht über unsere Maschinen läuft", sagt Sigloch. Noch zu sowjetischen Zeiten hatte er mit der Prawda, dem größten Verlag, dem über 60 Betriebe in allen SU-Republiken gehörten, einen Beratervertrag. "Wenn’s was kompliziertes gab, kamen sie zu Sigloch." – Sigloch, ausgebildeter Banker, Buchbinder und Maschinenbauer, hat sie offenbar zur Zufriedenheit beraten und mit seinem know-How und Produkten überzeugt. Und ihr Vertrauen gewonnen.

Deutlich wird dies nicht nur an der Verleihung der Ehrenprofessur, die er jüngst von der Technischen Universität in Kasachstan bekam, deutlich wird diese Wertschätzung in den Anekdoten, die Sigloch beiläufig einfließen lässt: Er berichtet von den unterirdischen und geheimen Räumen unter dem Kreml (" für Breschnew wurde eine Rolltreppe eingerichtet – der war ja nicht gut zu Fuß); "Ach Ihretwegen mussten wir warten", zitiert er eine Stewardess, als er nach einer Geschäftsbesprechung verspätet zum Flughafen kam. Oder die Geschichte im Theater im Kreml ("Der Saal ist größer als im Bolschoi"): Als einziger Zuschauer saß er dort, vorne wurde Schwanensee getanzt, im Orchestergraben gaben Musiker im Anzug ihr bestes. Nach zehn Minuten ging er wieder. Nach einer weiteren halben Stunde sah er die Musiker ihre Instrumente davon tragen: "Die haben nur meinetwegen gespielt", erzählt Sigloch ebenso stolz wie irritiert über die Aufwartung.

Nach so langjährigen Kontakten bleiben die Beziehungen nicht nur auf das rein Geschäftliche beschränkt. So bringt Sigloch seinen Geschäftsfreunden schon mal Presssack aus seiner Hausschlachtung mit oder organisiert den neuen Vorhang (Brüsseler Spitze) für das Bolschoi-Theater. Die Zusammenarbeit der Firma Sigloch mit den Betrieben in den GUS-Staaten geht weiter, Sigloch plant schon die nächsten Projekte. Neue Ideen gibt es auch für die "russischen Staatsgeschenke". Das nächste Großprojekt ist bereits geplant. Der dritte Prachtband wird den Kathedralen in Moskau gewidmet sein. Ob den Gerhard Schröder auch bekommt?

Quelle: Haller Tagblatt von Elisabeth Schweikert

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