Leben und
Arbeiten in einem der mächtigsten Wirtschaftszentren
der Welt und einem für Europäer oft rätselhaften
Land. Von ihrem Abenteuer in China berichten Neckarsulmer Audi-Mitarbeiter
in der Heilbronner Stimme.
Per Videokonferenz zugeschaltet sind Kollegen aus Changchun. Sie
alle kümmern sich um den Anlauf des neuen A 6 im Nordosten
der Volksrepublik. Das boomende Reich der Mitte hat für den
Audi-Konzern enorme Bedeutung. "China ist der zweitgrößte
Absatzmarkt nach Deutschland", sagt Albrecht Reimold, Leiter
der Planung Neckarsulm. 100 Mitarbeiter aus der Region betreuen
die Einführung des neuen Modells und sind bis zu zwölf
Monate in China.
Telefonkonferenzen mit Kollegen vor Ort, häufige 18-Stunden-Flüge
in die Zwei-Millionen-Stadt Changchun: Den Reiz des Fremden hat
das Land des Lächelns für Reimold aber noch lange nicht
verloren. An den ersten Kulturschock erinnert er sich noch genau: "Die
Kontraste sind krass. Auf der einen Seite die Industriemetropole
mit achtspurigen Straßen und Wolkenkratzern wie in New York.
Und direkt daneben: Acht Quadratmeter-Hütten, aus denen es
im Winter bei minus 25 Grad schwarz herausraucht." Reimold
schüttelt den Kopf. "Da klettern aber auch Leute 'raus
im dunklen Geschäftsanzug".
45 000 neue A6-Modelle im Jahr werden ab Sommer in dem Werk in
der Provinz Jilin vom Band rollen, 1000 Kilometer von Peking und
700 Kilometer von Wladiwostok entfernt. Zum Vergleich: In Neckarsulm
sind es jährlich rund 180 000 A6. Die chinesische Version
der Limousine, die zehn Zentimeter länger ist, bleibt dem
Inlandsmarkt vorbehalten. Die offizielle Staatskarosse wird auch
bei anderen Käufern immer beliebter. "70 Prozent sind
Privatkunden", sagt Reimold.
Die fremde Kultur will auch im Umgang mit den asiatischen Kollegen
respektiert sein. "Geduld ist wichtig", sagt etwa Lars
Skogmo, der per Videokonferenz aus Changchun zugeschaltet ist. "Mit
dem Kopf durch die Wand, das geht hier einfach nicht." Diplomatie
sei sehr wichtig, offener Streit verpönt. "Man muss immer
gut aufpassen, niemand zu verletzen." Die hierarchische Struktur
erschwert Entscheidungen auf mittlerer Ebene. "Irgendwann
geht's nicht mehr weiter. Dann muss der oberste Chef ein klares
Wort sprechen."
Auch Geschäftsessen können es in sich haben. "Manches
Restaurant gleicht einer Zoohandlung", erzählt Fertigungsplaner
Christian Aps. An den ausgestellten Käfigen mit Schlangen,
Hunden und Hühnern steht außen der Preis in Kilogramm
angeschrieben. Vor der Zubereitung präsentiert der Koch am
Tisch den zappelnden Fisch und die lebenden Garnelen. "Auch
Quallen, Skorpione, Hühnerköpfe und Entenfüße
stehen auf der Speisekarte", erzählt Ulrich Momber, der
für die Innenausstattung des A6 zuständig ist. "Aber
die Seidenraupen, die sind vielleicht lecker", wirft ein anderer
in die Runde.
Überhaupt: Wohl fühlen sich alle im Land des Lächelns.
Viele Audi-Mitarbeiter leben in einem internationalen Dorf mit
Supermarkt, Restaurant und Kindergarten. "Wir führen
ein privilegiertes Leben hier", sagt Lars Skogmo. Dienstleistungen,
die vor allem die Ehefrauen gern in Anspruch nähmen, sind
sehr billig: von der Massage bis zur Maniküre.
Quelle Heilbronner Stimme vom 6. April 2005 von Petra Halamoda
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