In der Luft
entscheiden weniger Zentimeter und weniger Gewicht mit über
Gewinn und Verlust bei den Fluggesellschaften. Nicht erst seit
dem Boom der Billigflieger stehen die Fluglinien unter
einem riesigen Kostendruck.
Die Platzersparnis ist allerdings nicht den Passagieren zu Gute
gekommen, stattdessen wurden die Sitzreihen enger aneinander geschoben. "Bei
der Schweizer Fluglinie Swiss passen so künftig 168 Sitze
in einen Flieger statt bislang 150", sagt Recaro-Marketingleiterin
Catharina Lübke. Die Recaro Aircraft Seating GmbH & Co.
KG in Schwäbisch Hall ist nach eigenen Angaben der weltweit
drittgrößte Produzent von Flugzeugsitzen. Die Firma
mit 530 Mitarbeitern im Hohenlohischen hat einen Marktanteil bei
den Auslieferungen von Airbus- und Boeing-Flugzeugen von etwa 18
Prozent.
Bei Recaro werden jährlich bis zu 70 000 Fluggastsitze für
Economy und Business Class zusammengebaut. Das Unternehmen, das
zur Keiper-Recaro-Gruppe (Kaiserslautern) gehört, produziert
sowohl in Schwäbisch Hall als auch in einem Werk im texanischen
Fort Worth. Fast jeder Fluggast dürfte schon einmal in einem
Recaro-Sitz Platz genommen haben: Rund 180 Fluglinien, darunter
einige, die es schon nicht mehr gibt, hat Recaro schon beliefert.
Weltweit kann man von 200 bis 300 Airlines ausgehen, sagt der Vorsitzende
der Geschäftsführung, Manfred Egner. Zu den festen Kunden
gehören beispielsweise Lufthansa, Air France, American Airlines
und Qantas. Recaro streckt seine Fühler verstärkt in
Richtung China und Indien aus. "Das sind Märkte, auf
die wir setzen."
Den jüngsten Großauftrag haben die Sitzhersteller im
Hohenlohischen Anfang des Jahres von Deutschlands zweitgrößter
Fluglinie Air Berlin erhalten. Recaro wird für sie 70 A 320-Flugzeuge
mit Sitzen ausstatten. Die entscheidende Rolle habe dabei die Platzeinsparung
gespielt. Durch leichte Materialien wie Karbon hat Recaro zudem
500 Kilogramm Gewicht eingespart mit der Folge eines geringeren
Treibstoffverbrauchs. Mit der Auftragslage ist Recaro zufrieden: "Wir
haben das geplante Auftragsvolumen für 2005 schon in den Büchern
und rechnen mit 140 Millionen Euro Umsatz", sagt Egner. Für
2006 erwartet er ein stärkeres Wachstum. Im vergangenen Jahr
betrug der Umsatz 110 Millionen Euro.
Eines der Highlights des Jahres ist für Recaro die größte
Messe der Flugzeugausstatter "Aircraft Interiors Expo 2005" Anfang
April in Hamburg. Dort ist Recaro eines von drei Unternehmen, das
seine Sitze in ein 1 : 1-Kabinenmodell des größten Passagierflugzeugs
Airbus A 380 einbaut. "Bei einem solchen Projekt muss man
dabei sein", sagt Egner. Dabei ist er überrascht über
den Farbwunsch: Während die Sitze üblicherweise grau
bis graublau sind, soll das Interieur des A 380 weiß sein.
Qantas hat bereits Recaro-Sitze für einen A 380 eingekauft.
"
Living Space" ist der häufigste Begriff, der bei Recaro
zu hören ist. Gefühlsmäßig soll der Passagier
mehr Platz haben, obwohl das objektiv und messbar nicht der Fall
ist. Dazu gehören ergonomisch geformte Sitze und das Design. "Der
Komfortfaktor spielt in Flugzeugen eine größere Rolle
als in Autos, weil man beispielsweise 15 bis 16 Stunden im Flugzeug
sitzt", sagt Egner. Um diesen möglichst optimalen "living
space" in den verschiedensten Flugzeugtypen, für alle
Sitzreihen und Wünsche der Airlines zu bieten, arbeiten in
der Entwicklungsabteilung von Recaro rund 100 Ingenieure und Designer.
Bei Belastungstests im Labor werden die Bauteile getestet. Über
eine Testdauer, die etwa 600 Flügen um die Welt entspricht,
werden Armlehnen und Tische hoch und runter geklappt, Fußstützen
belastet oder Sitze verstellt.
Quelle Heilbronner Stimme vom 4. April 2005 von Dörthe Hein
|