Deutsche
Weine gewinnen in der Welt wieder stark an Bedeutung. Die neue
Dynamik im Weinbau ist jedoch weniger der behäbigen Weinbaupolitik
als vielmehr herausragenden Einzelleistungen von Winzern und Fachleuten
zu verdanken. In zahlreichen Regionen, wie dem Taubertal, schließen
sich Topwinzer zusammen und generieren Spitzenqualität.
Zu den Ideengebern und Initiatoren einer neuen, kompromisslosen Qualitätsoffensive
zählt der Bad Mergentheimer Weinexperte Otto Geisel. Im FN-Interview
schildert der Hotelier seinen Weg, definiert Spitzenqualität
und bricht eine Lanze für die Tourismus-Region Taubertal.
FN: Wie wird man Sachverständiger für Weinbewertung?
Otto Geisel: Bestellt und vereidigt wurde ich von der Industrie-
und Handelskammer Heilbronn.
FN: Welche besonderen Qualifikationen bringen Sie für dieses
Amt mit?
Otto Geisel: Wichtig sind vor allem Erfahrung, fundiertes Fachwissen
und eine sichere Nase.
FN: Welches Aufgabenfeld beinhaltet Ihre Tätigkeit als Sachverständiger?
Otto Geisel: Ich schreibe Expertisen für Gerichte, schätze
Werte bei Erbschaften und beziffere Schäden bei Diebstahl,
Wasserschäden und anderen Verlusten. In manchen Fällen
handelt es sich auch um Betrug, wie Etikettenschwindel. Bei teuren
Weinen kann es um sehr große Summen gehen.
FN: Welche persönliche und auch emotionale Beziehung haben
Sie zum Produkt Wein?
Otto Geisel: Guter Wein ist ein herrliches Naturprodukt und gleichzeitig
Kulturgut.
FN: Wie definieren Sie "bestmögliche Qualität"?
Otto Geisel: Bestmögliche Qualität kann nur im Gleichklang
und Gleichgewicht von menschlichem Handeln mit der Natur entstehen.
FN: Welchen Inhalt und welche Bedeutung verbinden Sie mit dem Begriff "Genuss"?
Otto Geisel: Genuss und Lebensqualität gehören unabdingbar
zusammen. Die Grundvoraussetzung für Genuss ist die Fähigkeit
zu einer differenzierten geschmacklichen Wahrnehmung. Dies ist
eine viel größere Leistung, als man oberflächlich
vermuten sollte, - ohne elitären Anspruch.
FN: Wie entstehen "große Weine"?
Otto Geisel: Durch die Zurückhaltung und gleichzeitig das
Können des Menschen.
FN: Was unterscheidet einen "Spitzen-Tropfen" von einem
Massenprodukt?
Otto Geisel: Spitzenweine sind wirkliche Naturprodukte, tragen
die "Handschrift" eines Mikroklimas und Bodens. Sie sind
nicht kopierbar. Massenprodukte werden für ein Marktsegment
designed.
FN: Welche Chancen sehen Sie für den Tourismus in der Region?
Otto Geisel: Hervorragende. Mit unserem Wein, gutem Essen und schöner
Landschaft haben wir Riesenchancen. Wichtig ist, dass der regionale
Tourismus ein klares Profil schafft, das sich abhebt.
FN: Wie kann dieses Profil aussehen?
Otto Geisel: Wir brauchen mehr Bewusstsein für unsere eigenständigen
Produkte und müssen den besonderen Geschmack und Genuss dieser
Landschaft sinnlich erfahrbar machen.
FN: Wie sollte dies konkret umgesetzt werden?
Otto Geisel: Ich biete beispielsweise in meinem Hotel konsequent
regionale Produkte an. Statt Hummer kommen fränkische Flusskrebse
auf den Tisch, statt Geflügel aus Frankreich Freilandhahn
aus Hohenlohe und statt Steaks aus Argentinien Limpurger-Ochsen
aus eigener Zucht. Dazu ist unser Wein ein hervorragender Sympathieträger.
Die Region muss ihre Spitzenerzeugnisse für die Imagebildung
nutzen.
FN: Und das funktioniert?
Otto Geisel: Natürlich! Unsere Gäste honorieren das.
Mit der richtigen Einstellung zum Produkt schaffen wir unverwechselbare
Top-Qualität. Inzwischen ist es so, dass unsere besten Tropfen
den Vergleich mit den besten Burgundern oder den großen Weinen
aus Italien längst nicht mehr scheuen müssen. Unsere
Region hat das Potential, eine touristische Marke auszubauen, denn
wir haben das Schlaraffenland vor der Haustür.
FN: Vielen Dank für dieses Gespräch.
Martin Herrmann
© Fränkische Nachrichten - 30.04.2005
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