Schwergewichtig
und formenreich sind sie, die Großplastiken
des Britischen Bildhauers Henry Moore. Seit mehreren Tagen bilden
sie eine Skulpturenachse durch Schwäbisch Hall. Jetzt ist auch
die Ausstellung "Henry Moore: Englische Bildhauerei im 20. Jahrhundert" in
der Kunsthalle Würth zu sehen.
Schon der Andrang der Presse am Nachmittag zeigte das enorme Interesse
an der Ausstellung. Für die feierliche Vernissage am Abend hatten
sich rund 700 Gäste angekündigt. Schließlich handelt
es sich um die seit Jahren umfangreichste Moore-Schau in Deutschland.
Und die wurde erst durch die harmonische Zusammenarbeit mit der Henry
Moore Foundation möglich, erklärte Kunsthallendirektorin
und Kuratorin C. Sylvia Weber stolz und sichtlich froh. Denn angesichts
der großformatigen und wahrlich schwergewichtigen Kunstwerke
wurde manche logistische Herausforderung gemeistert.
Mit Wasserdampf hat Richard Deacon (vorn halblinks mit Brille) das
Holz für seine Skulptur "Slippery When Wet" bearbeitet.
Neben ihm beantworteten auch die Künstler Tim Scott, Barry Flanagan
und David Nash die Fragen der Presse.
Der große britische Bildhauer (1898 bis 1986) steht mit seinen
insgesamt rund 100 Skulpturen, Zeichnungen und Skizzen freilich im
Mittelpunkt der Ausstellung. Zwischen seine teilweise an überdimensionale
Handschmeichler aus warmem Holz erinnernden Skulpturen und seinen
Arbeiten aus Materialien wie Bronze ist eine Nachbildung von Henry
Moores Atelier gesetzt. Neben Original-Stuhl samt Sitzkissen, Tisch,
Regal und diversen Werkzeugen wie Zahnbürsten, Raspel oder Löffel
ist auch manche Großplastik aus der Skulpturenachse in allerdings
wesentlich handlicherem Format zu entdecken. Bislang war das Atelier
nur einmal in Japan zu sehen, erklärte David Mitchinson von
der Henry Moore Foundation. Mit seinen in der Regel monumental und
stilisierten, gesichtslosen Menschenbildern wurde Moore in den 50-er
und 60-er Jahren zum Inbegriff moderner Skulptur.
Und mit den Werken von zehn weiteren Künstlern schlägt
die Ausstellung einen Bogen über die vitale und abwechslungsreiche
englische Bildhauerszene der Moderne. Denn: Der Einfluss Moores besteht
weniger in der direkten Nachahmung, sondern vielmehr darin, dass
die Bildhauerei in Großbritannien überhaupt populär
wurde und sich ein Klima der Aufgeschlossenheit und der Neugier gegenüber
neuen Ausdrucksweisen entwickelte.
So hat sich auch Eduardo Paolozzi, der Ende April starb, mit organischen
Formen auseinander gesetzt, fügte aber mechanische Objekte ein,
seine Oberflächen sind nicht glatt. "Wenn Moore als Großvater
der englischen Bildhauerei bezeichnet wird, ist Barbara Hepworth
sicherlich die Großmutter", schmunzelte Kurator Ian Barker.
Die einzige Künstlerin der Ausstellung arbeitete wesentlich
abstrakter als Moore. Anthony Caro wandte sich zu Beginn der 60-er
Jahren dem Material Stahl zu, holte die Skulptur vom Sockel und stellte
seine farbigen Plastiken direkt auf den Boden. Außerdem ist
seine 25-teilige Skulptur "The Last Judgement" nach Aufenthalten
in Venedig, Bilbao und in London jetzt wieder in die Johanniterhalle "reinstalliert",
worden und dort zu sehen, erklärte Weber. Weil er die menschliche
Figur für weniger ausdrucksstark hält, hat sich der Bildhauer
Barry Flanagan dem Hasen zugewandt und beschert den Besuchern vergnügliche,
aber auch nachdenkliche Eindrücke. Tim Scott, war Professor
in Nürnberg, und schmiedet seine Skulpturen aus Stahl, weil
er durch das Schmieden, die Kräfte des Materials am besten freisetzen
kann, erklärte er gestern beim Rundgang. Während Moore
bemüht war, Risse im Material Holz zu verdecken, macht David
Nash die Risse sichtbar. Aus umgestürzten Bäumen entstehen
bei ihm reizvolle Skulpturen. Richard Deacon arbeitet mit unterschiedlichsten
Materialien und seine abstrakten Werke sind ein Spiel mit den Formen.
Emotional, humorvoll und dekorativ sind auch die Arbeiten von Tony
Cragg. Der jüngste und wohl spirituellste Künstler der
Ausstellung ist Anish Kapoor. Er stellt die Farbe in den Vordergrund
und erzielt mit seinen ungewöhnlichen Werken abenteuerliche
Wahrnehmungseffekte.
Für Irritation sorgt Anthony Gormley Skulptur "Close V",
dessen 800 Kilo schwere Figur über den Köpfen der Besucher
zu schweben scheint - aber im Hause Würth ist die Befestigungstechnik
freilich Ehrensache.
Quelle: Hohenlohe Live von Bettina Lober
Fotos: Arslan
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